| Aktuelles:
Übersicht | Archiv |
|
| Evangeliar vom 26. Juni bis zum 18. Juli im Museumszentrum zu sehen | 25. Juni 1999 |
Ein Hauch von Größe streift
Lorsch
(ofi) Dieses Medieninteresse wünscht sich jeder Veranstalter: Dr. Hermann Schefers, engagierter wie anerkannter Leiter des Museumszentrums Lorsch, durfte gestern mit Recht stolz in die Runde blicken. Und auch Bürgermeister Klaus Jäger schaute zufrieden. Zur Vorabvorstellung des Lorscher Evangeliars waren gleich mehrere Kamerateams öffentlich-rechtlicher wie privater Fernsehsender, Vertreter von Radiostationen und Kolleginnen und Kollegen von Zeitschriften und Zeitungen zur Berichterstattung gekommen. Das wundert nicht weiter. Denn in Fachkreisen gilt die Rückkehr des Evangeliars schlicht als "Welt-Sensation". Heute abend schließlich wird die hessische Landesregierung zu einem offiziellen Empfang und der feierlichen Eröffnung der Ausstellung in den Paul-Schnitzer-Saal einladen. Gastgeber ist dabei die stellvertretende Ministerpräsidentin und zuständige Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Ruth Wagner. Die FDP-Politikerin wird gleich eine ganze Reihe von Persönlichkeiten willkommen heißen können. Sonia Ramzi vom Welterbezentrum der UNESCO in Paris, Seine Exzellenz Erzbischof Monsignore Jorge Maria Mejia vom Vatikan, den Generaldirektor der Rumänischen Nationalbibliothek in Bukarest Ion Dan Erceanu und Dr. Kai Mathieu, Direktor der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten. Die ausgewählten und gerahmten Seiten des Lorscher Evangeliars werden im Museumszentrum ab Samstag (26.) bis 18. Juli Bücherliebhabern und Historikern aus aller Welt zugänglich sein. Übrigens zum ersten Mal nach vierhundert Jahren wieder unter einem Dach vereint. Um 810 im Hofskriptorium Karls des Großen in Aachen entstanden, gilt das Buch als eine der bedeutendsten karolingischen Evangelienhandschriften. Konzipiert als Einheit aus Text, Bild, Ornamentik und Elfenbeineinband, entstand ein für das ganze Reich vorbildhaftes Gesamtkunstwerk. Der durchweg in Gold geschriebene und auf jeder Seite illuminierte Prachtkodex gelangte als Schenkung in das Hauskloster der Karolinger in Lorsch, das heute einziges hessisches Weltkulturerbe der UNESCO ist. Im 15. Jahrhundert wurde die Handschrift in zwei Bände geteilt und jeder mit einem der beiden Buchdeckel aus Elfenbein versehen. Im 16. Jahrhundert wurde der Kodex der Heidelberger Palatina eingegliedert. Heute liegt der Teil mit den Evangelien nach Lukas und Johannes in der Biblioteca Apostolocia Vaticana, der zugehörige Elfenbeindeckel im Museo Sacro des Vatikan. Der Teil mit dem Matthäus- und Markus-Evangelium ist bei seinem Transport 1623 nie in der vatikanischen Bibliothek angekommen und galt noch vor sieben Jahren als verschollen, bis die Lorscher Volkskundlerin Dr. Annemie Schenk die Seiten 1992 im rumänischen Alba Julia, in der Biblioteca Bathyaneum, entdeckte. Eine ähnlich abenteuerliche Geschichte muß dem zweiten Elfenbeindeckel beschieden gewesen sein, der auf zum Teil ungeklärten Wegen ins Victoria & Albert Museum nach London gelangt war. Zugänglich ist das Evangeliar in der klostergeschichtlichen Abteilung des Museums täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr; samstags bis 19 Uhr. Ein Symposium am 5. und 6. Juli im Paul-Schnitzer-Saal mit namhaften Wissenschaftlern begleitet die bedeutende Ausstellung. Im Anschluß wird die Handschrift in der Ausstellung Kunst und Kultur in der Karolingerzeit" in Paderborn gezeigt Im November reisen die Originale wieder an ihre Aufbewahrungsorte zurück. Doch auch den Lorschern wird ein Hauch von alter Größe bleiben: ein Evangeliar aus dem Faksimile-Verlag Luzern, der die Handschrift zusammen mit der Biblioteca Apostolica Vaticana in limitierter Auflage von 333 Exemplaren herausgibt. Die aufwendige Reproduktion, gleich dem mittelalterlichen Prachtband 37 mal 27 mal zehn Zentimeter groß und mitsamt dem Elfenbeineinband 16 Kilogramm schwer, wird übrigens während der Ausstellung des Originals vorgestellt, ergänzt durch einen wissenschaftlichen Kommentarband von Dr. Hermann Schefers. |
|