Deutsch-Italienischer Freundeskreis
Bensheim-Riva del Garda

Augsburg - Ein Bildungserlebnis der besonderen Art

"Augsburg und Umgebung" lautete der nüchterne Arbeitstitel einer viertägigen Reise des Deutsch-Italienischen Freundeskreises Bensheim-Riva del Garda unter Leitung seiner Vorsitzenden Dr. Pina Kittel. Gleichwohl waren die 50 Plätze alsbald belegt, denn die Mitglieder wissen um die sorgfältige Organisation und kluge Choreographie solcher Fahrten.

Spaziergang durch die Stadt

So startete man am Ankunftstag unter der bewährten Führung von Georg Drinnenberg, der erst kürzlich einen viel beachteten Vortrag über Leben und Leistung des römischen Kaisers Augustus gehalten hatte, zu einem ersten Spaziergang durch die Stadt. Drinnenberg spannte dabei den Bogen von dem um 8 v. Chr. gegründeten römischen Militärlager über die Zivilsiedlung "Augusta Vindelicum", die bald Provinzhauptstadt von Raetien wurde, zu dem dann wohl von Augustus gegründeten Augsburg bis zur bayrisch-schwäbischen Großstadt der Gegenwart. Die historischen Ausführungen wechselten dabei immer wieder mit den Erläuterungen der reichlich am Wege gelegenen Sehenswürdigkeiten: die Prachtbrunnen, der Annenhof mit der Kirche St. Anna und der Fugger-Kapelle, das Museum Lutherstiege, das Rathaus als Wahrzeichen der Stadt, um nur einige zu nennen. So ermöglichte die gelungene Balance zwischen verbaler Information und visuellen Eindrücken den Teilnehmern, das Wesen und die Charakteristika dieser 2000 Jahre alten Stadt zu erfassen.

Besonders beeindruckend war dabei die Besichtigung der im Februar 1944 bis auf die Säulen und Außenmauern zerstörten Kirche St. Moritz. Der Wiederaufbau unter Bewahrung des ursprünglich romanischen dreischiffigen Baukörpers unter Verwendung besonderer Materialien wird durch indirekte Lichtführung zu einem konkret nicht greifbaren Raumkunstwerk, das den Eindruck von Unendlichkeit vermittelt, aber auch von Ruhe und Stille.

Die Fuggerei

Augsburg zu besuchen, ohne einen Blick auf das mächtigste Kaufmannsgeschlecht des Spätmittelalters, die Fugger, zu werfen, ist unmöglich, zumal die Fugger viele Ideen, die sie reich werden ließen, aus Italien übernommen haben. Auch hier hatten die Riva-Freunde durch einen Vortrag von Prof. Huth die Thematik vorbereitet. Nun galt es, die älteste Sozialsiedlung der Welt - im Jahre 1521 gestiftet von Jakob Fugger (der Reiche) - zu besichtigen, die noch heute aus 67 Häusern mit 140 Wohnungen besteht, die zum Teil bewohnt sind von "würdigen Armen" für 0,88 € jährliche Kaltmiete und verbunden mit der Pflicht, einmal täglich drei Gebete für den Stifter und seine Familie zu sprechen.

Auch eine Besichtigung des zwischen 1615 und 1620 von Elias Holl errichteten Renaissancerathauses mit Goldenem Saal und des Perlachturms sowie des bedeutendsten Rokokobaus der Stadt, des Schaezler-Palais mit Festsaal, ist unverzichtbar. Und natürlich gehören die zwei Kirchen am Ende der Maximilianstraße dazu: die evangelische Kirche St. Ulrich mit einem weiten Tonnengewölbe im Régencestil und die spätgotische katholische Basilika St. Georg und Afra mit wertvoller Ausstattung im Renaissance- und Barockstil. Die beiden Kirchen sind ein Symbol der im 30-jährigen Krieg ausgehandelten "Augsburger Parität" und heute ein Zeichen der friedlichen Koexistenz der christlichen Kirchen.

Wasserbaukunst

Einen völlig anderen Blickwinkel auf die Stadt eröffnete ein weiterer Protagonist dieser Fahrt. Heribert Kittel, ehemals Lehrer am AKG, wies vor der Kulisse des ab 1414 entstandenen Wasserwerks am Roten Tor mit den drei Wassertürmen und den zwei Brunnenmeisterhäusern darauf hin, dass Augsburg seit 600 Jahren ein Wahrzeichen der europäischen Wasserbaukunst ist, was Wassergewinnung, -nutzung und -schutz betrifft. Kittel streifte auch den technischen Erfindungsreichtum in der Wasserwirtschaft und die damit verbundenen hygienischen Verbesserungen für die Bevölkerung sowie die positiven Entwicklungen für Handwerk und Industrie. Dort wo sich technische Neuerungen mit Handelswegen und Finanzplätzen vernetzen, wächst politische Macht und entsteht Kunst und Kultur.

Das Lechfeld

Eine Fahrt nach Süden durch das Lechfeld, wo im Jahre 955 König Otto I. die Ungarn entscheidend geschlagen hatte, wurde arbeitsteilig bewältigt: Kittel nahm sich geologisch der Entstehung des Lechtals, vom Urlech über die Gletschereinwirkungen bis zum heutigen Lechverlauf und dessen wasserbaulichen Nutzung an. Dabei veranschaulichte er, wie nach dem Rückzug des Gletschers eine Rückkehr der Pflanzen- und Tierwelt stattfand und sich eine unvergleichliche Biotop- und Artenvielfalt herausbilden konnte, mit der eine Vernetzung als Kultur- und Siedlungsraum erfolgte. Mit ähnlicher Tiefe erläuterte er auch die Besonderheiten des Ammersees.

Drinnenberg widmete sich demgegenüber den kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten, insbesondere einer Reihe von Barockkirchen: der Wallfahrtskirche "Maria Hilf" auf dem Lechfeld, in Landsberg der Johanneskirche und Mariä Himmelfahrtskirche, der Wallfahrtskirche St. Rasso in Grafrath und zum Tagesabschluss der ehemaligen Zisterzienser Abteikirche Fürstenfeld, dessen Innenraum durch die Brechung der untergehenden Abendsonne in ein besonderes Lichtspiel eingetaucht wurde.

Dom und Vaterstadt Mozarts

Am Abfahrtstag schloss sich der Kreis der Spaziergänge mit einer intensiven Besichtigung des Domes und dem Besuch des Geburtshauses von Leopold Mozart, dem Vater, Entdecker, Erzieher, Musiklehrer und Manager seinen berühmten Sohnes Wolfgang Amadeus.

Die gemeinsamen Abendessen der Gruppe in verschiedenen ortstypischen Restaurants führten zudem zu einem regen Gedankenaustausch der Teilnehmer. Inge Fertig und Anne Zeyer, letztere mit einem Gedicht, das in lustiger Form die Besonderheiten der Fahrt aufgriff, bedankten sich bei den Initiatoren der Fahrt im Namen der Gruppe.

Peter Zeyer

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