Deutsch-Italienischer Freundeskreis
Bensheim-Riva del Garda

Freundeskreis Bensheim-Riva: Georg Drinnenberg beschäftigte sich mit Dantes "Göttlicher Komödie"

Großartige Vision von Hölle, Fegefeuer und Paradies

Harmlos ist es nicht, sich auf Dante einzulassen. Das Phänomen ist umso erstaunlicher, als Dante zu den schwierigsten am wenigsten zugänglichen Dichtern der Weltliteratur gehört. Wieviel leichter erschließen sich Homer oder Vergil einem uniformierten Leser. Dante vereinigt in sich die gesamte gelehrte Tradition des lateinischen Mittelalters und setzt dieses Wissen bei seinen Lesern voraus. Er erwartet die genaue Kenntnis der Bibel wie der antiken Mythologie, Geschichte und Philosophie. Die "Divina Commedia" ist voll von parallelisierten biblischen und antiken Beispielfiguren.

Insofern ist es Georg Drinnenberg in seinem Vortrag zu Dante Alighieri und seinem Hauptwerk "Göttliche Komödie" beim deutsch-italienischen Freundeskreis Bensheim-Riva gelungen, Licht ins Dunkel zu bringen. Drinnenberg erklärte und rezitierte Verse aus diesem komplizierten Buch. "Dieses Werk behält seinen Ruhm, weil niemand es liest, und niemand es jemals lesen wird", so urteilte Voltaire, nicht ganz unberechtigt, über ein Werk, das zahlreicher Vorzüge wegen vielfach gepriesen, jedoch vollständig nur selten gelesen wird. Georg Drinnenberg hat es komplett gelesen und verstanden.

Dante Alighieri (1265-1321) verfasste sein Hauptwerk, das 1472 in Foligno und Mantua zum ersten Mal gedruckt und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde, in seinen letzten Lebensjahrzehnten, von 1306-1321, als er, verbannt von seiner Heimatstadt Florenz als Exilierter von Stadt zu Stadt wandern musste, von Padua nach Verona, von Mantua nach Ravenna, um nur einige zu nennen. Dante nannte sein Epos schlicht und einfach "commedia", weil es ein Gedicht ist, "in der Volkssprache abgefasst, das schlimm beginnt, aber gut endet"; erst spätere Bewunderer fügten das Epitheton "göttlich" hinzu.

"Die göttliche Komödie" ist eine großartige Vision, in der der Verfasser, begleitet von dem römischen Dichter Vergil, den Dante bewunderte und verehrte, eine beschwerliche Wanderung durch die drei nach dem ptolemäischen Weltbild angeordneten und gegliederten Reiche des Jenseits unternimmt: durch die Hölle (L'Inferno), das Fegefeuer (Il Purgatorio) und das Paradies (Il Paradiso). Apokalyptische Schriften mit Schilderungen von Himmels- und Höllenreisen regten Dante an, in seiner Dichtung das theologisch-philosophische Wissen der damaligen Zeit zu verbinden und zugleich seine eigene Haltung zu bekannten Gestalten der Mythe, der Geschichte und der Mitwelt darzulegen. Zu bewundern ist, wie er das Abstrakte anschaulich macht, wie er das Vergangene lebendig werden lässt und in seine überwältigende Gesamtschau einordnet - mit Ironie, Andacht und Verzweiflung.

Die Hölle (L'Inferno) symbolisiert den Durchgang des Menschen durch Sünde, Leid und Verzweiflung, und je tiefer die beiden schauenden Wanderer - Dante an der Hand von Vergil - in die neun Kreise der Hölle gelangen, umso größer werden die Qualen, Strafen, Ängste und Verzweiflungen.

Nachdem Dante und Vergil auch den tiefsten Höllenkreis, in dem Luzifer sitzt, durchschritten haben, gelangen sie zum Fegefeuer (Il Purgatorio), ebenfalls in neun Kreise eingeteilt, das die Läuterung durch den Glauben bedeutet. Auf diesem Wege kann Vergil nicht mehr Begleiter sein, sondern an Dantes Seite tritt nun Beatrice, die ihm allmählich die himmlische Schönheit offenbart. Hier schlägt sich Dantes "Beatrice-Erlebnis" nieder, die Verehrung für die schöne Florentinerin, die Huldigung an die Geliebte, die ihn bis ins Innerste bewegte und ergriff.

Am schwierigsten für einen heutigen Leser zu verstehen ist das dritte Reich, das Paradies (Il Paradiso), in dem sich die Erlösung durch göttliche Offenbarung und Liebe ereignet. Auch hier geleitet ihn wieder Beatrice, aber der Weg durch die einzelnen Himmel mit ihren theologischen Bedeutungen und Anspielungen war für den zeitgenössischen Leser schon schwer zu verstehen, erst recht für einen heutigen.

Bewundernswert ist die Form des Epos: sein Aufbau, die tiefsinnige Zahlensymbolik, die sprachliche Gestaltung und die Allegorien. Jedes der drei Reiche umfasst 33 Gesänge mit jeweils 152-155 Zeilen, insgesamt also 99 Gesänge mit einer Einleitung, so dass hundert erreicht werden, die Zahl der Vollkommenheit. Die Zahlensymbolik - hier nur angedeutet - spielt eine große Rolle: es sind drei Reiche (Zahl der Trinität), es sind neun Kreise in jedem Reich, aber auch die Siebenzahl hat ihre heilige Bedeutung. Die Strophen sind Terzinen: drei Zeilen zu einer Einheit zusammengefasst, mit je einem Reim darüber hinausweisend. Die Sprache des Epos ist entschieden, fast kantig, ausgesprochen bilder- und vergleichsreich, so dass eine starke Anschaulichkeit, ein vielfältiges Bild vergangener Zeiten erreicht wird. "Dante hatte eine Kultur von Jahrhunderten hinter sich" - so umschreibt Goethe sein tief schürfendes Epos. Dantes "Göttliche Komödie" ist eng mit dem Ostergeschehen verbunden. "Das Gedicht stellt eine Vision dar, ausgehend vom Karfreitag. Der war der Merktag für den Sieg des Lebens über den Tod. Das stellte man sich nicht abstrakt vor. Der Mensch empfand am Karfreitag und an Ostern, dass die Sonne die neue Frühlingskraft empfängt, Sie treibt die Pflanzenwelt hervor. Die Sonne betrachtete man als den Ausdruck eines Geisteswesens. Man stellte sich eine Beziehung der geistig-seelischen Kräfte zum Geist des Sonnenkörpers vor. So empfand man die Nacht des Karfreitags als die geeignetste Zeit, in welcher die Seele sich in das versetzen kann, was jenseits des Todes liegt.

Auf Dantes Grabdenkmal stehen lateinische Verse; die beiden letzten besagen: "Hier ruh' ich, Dante, gebettet, vertrieben vom Vaterlande, geboren von Florenz, der Mutter, die mich liebte." In späterer Zeit hat diese Mutter die Gebeine ihres größten Sohnes oft zurückverlangt, ohne bei Ravenna Gegenliebe zu finden.

Der lang anhaltende Applaus, galt Georg Drinnenberg, der seine Zuhörer fast zwei Stunden in seinen Bann zog und Dante und seine "Göttliche Komödie" verständlich erklärt.

mül

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