Deutsch-Italienischer Freundeskreis
Bensheim-Riva del Garda

Auf "Wegen des Wassers" vom Sarcatal bis zum Mincio
Studienreise des Deutsch-Italienischen Freundeskreises an den Gardasee

Foto: Manfred Müller

Wer wie der Deutsch-Italienische Freundeskreis Bensheim - Riva den Gardasee in fast regelmäßiger Folge als Reiseziel für eine außergewöhnliche Erlebnisfahrt anbietet, muss natürlich mit Teilnehmern rechnen, die schon über einen gewissen Kenntnisstand verfügen, was Eigenheit und Vielfalt dieser Landschaft angeht. Eventuell hat man bereits in Erfahrung gebracht, dass der im Nordteil wie ein Fjord geformte und nach Süden hin bis zur Endmoränenlandschaft sich fächerartig öffnende Lago di Garda seine Entstehung und seine heutige Gestalt wie auch dessen spezielle Umgebungsphänomene auf die Tätigkeiten eiszeitlicher Gletscher zurückzuführen sind. Zur Vertiefung und Weiterbildung ist daher solchen Reisen ein den Sachumfang eingrenzendes spezifisches Thema zugrunde gelegt, das an Ort und Stelle aus verschiedenen Richtungen beleuchtet wird. So kommen u.a. historische, kulturelle und naturbezogene, aber auch wie im vorliegenden Fall spezielle geologische Aspekte zur Sprache.

Die diesjährige Fahrt zum Gardasee war den "Wegen des Wassers" gewidmet. Das Thema erstreckte sich auf entsprechende Besonderheiten im Landschaftsbereich um den See, auch auf solche um den Sarca als Zufluss sowie auf die um den Mincio als einzigen Abfluss. Unterschiedliche Charakteristika aufweisend, schlängelt sich der daher mit eigenen Namen versehene Fluss auf einer Strecke von etwa 180 km von den Quellen in den Gletscherregionen Adamello und Presanella durch den See bis hin zur Mündung in der Poebene.

Die Vorsitzende des Riva - Vereins, Dr. Pina Kittel, hatte in gewohnt souveräner Art die Reise organisiert und in Abwechslung mit ihrem Ehemann äußerst informationsreiche Führungen gestaltet. Von Heribert Kittel erfuhr man Einzelheiten über das Einwirken und die Hinterlassenschaften der eiszeitlichen Gletscher in der Region. So sind u.a. die gigantischen Ansammlungen von teils riesigen Felsbrocken aus Jurakalkgestein im nördlichen "Marocche de Dro" sowie auch die in zahlreichen Felswänden sichtbaren Schrammen und Schliffe (z.B. nördlich von Malcesine) und die wallartig aufgeschütteten und als Endmoränen bezeichneten Sedimentablagerungen südlich des Gardasees Zeitzeugen langfristiger Gletscheraktivitäten, deren Anfänge etwa 400.000 Jahre zurückliegen.

Foto: Manfred Müller

Am Südostufer des Gardasees, da wo der Mincio das Seewasser übernimmt und es durch eine sanfte Hügellandschaft bis zum Po transportiert, liegt Peschiera, ein heute beschauliches Städtchen mit einer gut erhaltenen wehrhaften Befestigungsanlage. Diese wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder von den jeweiligen Besatzern (u.a.Venezianer und Österreicher) ausgebaut und erweitert, denn aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage war die Stadt stets Brennpunkt feindlicher Auseinandersetzungen In Peschiera nahm die Bensheimer Reisegruppe für drei Tage Quartier, um von hier aus längs des Mincio eine fruchtbare, vorwiegend landwirtschaftlich genutzte Region zu erkunden.

Etwa 12 km südlich erreicht man Borghetto Vallegio, bekannt durch den im Jahre 1393 von dem tyrannischen Mailänder Visconti Gian Galeazzo errichteten Damm quer durch den Mincio. Die kriegerische Absicht, hiermit Mantua das Wasser abzugraben, um die Stadt leichter einnehmen zu können, erwies sich aber als verfehlt. Von dem gigantischen Bauwerk sind heute nur noch die Reste einer mittelalterlichen Brückenanlage vorhanden.

Mantua selbst war nun Zielort umfangreicher Besichtigungen, zumal diese Stadt in der Lombardei mit baulichen Kunstwerken fast aller Stilepochen reichhaltig ausgestattet ist. Ihre Geschichte geht bis in die etruskische Zeit zurück, aber ihre Blütezeit erlebte sie vom 14. bis 17. Jahrhundert unter der Herrschaft der Herzogfamilie Gonzaga.

Ein besonderes Zeugnis architektonischer Eigenwilligkeit ist der von Giulio Romano, einem Schüler Raffaels, für den Markgraf Frederico II Gonzaga gestaltete Palazzo del Te aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der eher als repräsentative Vorstadt-Villa konzipierte Prachtbau, dessen lang gestreckte Flügel sich inmitten eines großen Parks ausbreiten, bricht einige Regeln der klassischen Renaissancearchitektur. So entdeckt man (allerdings unter Mithilfe einer sehr distinguiert vortragenden Italienerin, die für zwei Tage die Stadtführung übernommen hatte) in der äußeren Fassadengestaltung markante Ungewöhnlichkeiten u.a. durch überbetonte Asymmetrien und absichtlich regelwidrig verwendete antike Details .

Ganz anders stellt sich der stilgerechte Palazzo Ducale auf der Piazza Sordello dar. Das mit seinen nahezu 500 Räumen wohl zu den größten Palästen Italiens gehörende Gonzagaschloss ist reich mit Wand- und Deckenfresken ausgestattet - besonders zu erwähnen sind die von Mantegna - aber auch mit zahlreichen Gemälden ersten Ranges u.a. von Pisanello und Raffaello.

Als weitere Glanzpunkte, die einen mehrstündigen Stadtrundgang belebten, sind zu nennen: Der Palazzo d'Arco, der Dom, die Basilica di Sant'Andrea und besonders ansehnlich das barocke Teatro Bibiena, in dem im Jahre 1770 der damals 14-jährige Wolfgang Amadeus Mozart ein Klavierkonzert zelebrierte.

Foto: Manfred Müller

So ganz allmählich verspürten die Bensheimer Riva-Freunde einen Drang zur Partnerstadt selbst. Man würde zu gerne am Abend auf der Piazza 3 Novembre nahe dem See sitzen, miteinander plauschen und sich einen guten Tropfen von den Weinbergen der Region gönnen. Eventuell käme am freien Samstag eine Bootsfahrt nach Limone oder Malcesine in Betracht, vielleicht sogar ein Aufstieg zum Monte Baldo. Auch die Teilnahme an einer Weinprobe in der neuen Agraria von Riva wäre denkbar. Und das alles tagsüber unter einer wohlig wärmenden Sonne, deren Strahlung die gelbbraunen Herbstfarben am Weinlaub und Blattwerk der Wälder in voller Pracht hervortreten lässt.
Doch zuvor war noch Programmgestaltung angesagt.

Im Sarcatal nördlich von Riva empfehlen sich die sehr gut erhaltenen, mittelalterlichen Burganlagen "Castel Drena" und "Castel Stenico" für einen Besuch. Wegen ihrer exponierten Höhenlage waren sie ursprünglich mächtige Festungsanlagen, wobei das Schloss Stenico im Laufe der Zeit mehrere Wandlungen bis hin zu einer fürstbischöflichen Residenz erfuhr.

Auf dem weiteren Wege entgegen der Sarcaflussrichtung kommt man in das sonnige Rendena-Tal. Hier hatte Pina Kittel ein außergewöhnliches Juwel ausgesucht, nämlich die romanische Kirche San Vigilio von Pinzolo. Sie ist berühmt wegen ihres gut erhaltenen Freskenschmucks an der südlichen Außenfassade. Insbesondere gehört der von Simone Baschenis im Jahre 1539 längs der gesamten Kirchenwand auf über 20 m Breite als Allegorie gestaltete "Totentanz" zu den wichtigsten Kunstwerken des Trentino.

Foto: Manfred Müller

Im westlich angrenzenden Val di Genova führt eine enge Strasse durch nahezu unberührte Natur hinauf zu den Kaskaden von Nardis. Über schroffe Felswände fallen gewaltige Wassermassen herunter, um mit dem Sarcafluss schließlich im Gardasee zu landen. Auch der nahe Riva gelegene Ledrosee, der wie der nachbarschaftliche Tennosee malerisch inmitten dichter Bergwälder eingebettet ist, speist den großen Brudersee seit ihrer eiszeitlichen Entstehung.

Besonders beeindruckend sind die "Cascata del Varone". Mit unbändiger Wucht stürzt das Wasser, das dem Tennosee entstammt, aus fast 100 m Höhe durch eine turmhohe Schlucht in die Tiefe und zerfurcht dabei ständig deren Kalksteinbewandung, und das seit über 10.000 Jahren.

Thomas Mann erlebte im Jahre 1901 dieses Naturschauspiel und schrieb darüber in seinem "Zauberberg": "Vor dem Hintergrund der engen, tiefen Schlucht, die von dicken, nackten, glitschigen Felsbrocken gebildet wird, die wie enorme Fischbäuche anmuten, stürzt die Wassermasse mit ohrenbetäubendem Getöse herunter. Die wahnsinnige, mächtige Dusche betäubte, machte Angst und verursachte Halluzinationen des Gehörs."

Am Ende einer achttägigen Italienreise mit besonderer Vielfalt an Sehenswertem längs der Wasserwege von Sarca und Mincio wurde dem Ehepaar Kittel von allen Teilnehmern ein sehr herzliches Dankeschön für ihre weitreichenden organisatorischen Bemühungen ausgesprochen.

Text und Fotos: Manfred Müller

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