Deutsch-Italienischer Freundeskreis
Bensheim-Riva del Garda

Riva-Verein: Vortrag der Kunsthistorikerin Eleftheria Wollny, Bonn

Der Riva-Verein praktiziert seit vielen Jahren die bewährte Übung, im Vorfeld seiner großen Kulturreise den kulturellen und historischen Hintergrund des Fahrtenziels näher auszuleuchten. Angesichts der für Oktober geplanten 12-tägigen Tour nach Apulien, jener Region im Südosten Italiens, referierte nun im gefüllten Saal des Pfarrzentrums St. Georg die Bonner Kunsthistorikerin Eleftheria Wollny über das Thema "Begegnungsraum der Kulturen - ‚Griechisches' Süditalien: Kultur und Tradition von der Antike bis heute".

Im Zuge der großen griechischen Kolonisation des Mittelmeerraumes (vom 8. bis 6. Jhdt. v. Chr.) entstand im Westen Magna Graecia, das Großgriechenland der Antike. Es umfasste u. a. Sizilien und auf italienischem Boden die Gebiete Kampanien, den Süden von Basilikata, Apulien und Kalabrien. Mit dem Zerfall des weströmischen Reiches im Jahre 476 gewann das oströmisch/byzantinische Reich zunehmend politischen und kulturellen Einfluss.

Nach dem Sieg Kaiser Justinians (527-567) über die Ostgoten und Sarazenen wurde die Neuordnung Italiens nach byzantinischem Schema durchgeführt: Griechische Sprache, Verwaltung und Kirchenorganisation und insbesondere die Einführung des großen Gesetzgebungswerkes Corpus Juris Civilis. Zudem pflegten die orthodoxen Basilianer-Mönche die Beziehungen Unteritaliens zu den Griechen und entwickelten ihre Klöster zu geistig-kulturellen Zentren. So kam eine Hellenesierung und Belebung von Städten zustande, die heute noch bestehen, z. B. Cosenza und Rossano in Calabrien, Gallipoli, Otranto und Lecce ("Athen Apuliens") in Apulien. Andererseits führten die häufigen Sarazenen-Einfälle dazu, dass sich griechische Bevölkerungsgruppen in die Höhen des Aspromonte zurückzogen.

Da die ottonischen Kaiser in Bezug auf Süditalien keine großen Ambitionen entwickelten und die normannischen Eroberer der byzantinischen Gebiete Süditaliens klug genug waren, die administrativen Strukturen in den Händen der hochgebildeten griechischen Beamten zu lassen, führte auch der endgültige Rückzug der Byzantiner 1158 aus Italien nicht zu einem Verfall der byzantinischen Kultur. Aus dem reichhaltigen Beutegut der normannischen Eroberungszüge ergaben sich vielmehr vielfältige Impulse für Kunst, Wissenschaft und Literatur. An den Städten Otranto und Rossano vertiefte die Referentin beispielhaft ihre Ausführungen.

Bis in die Zeit des Staufers Friedrich II. (1215 - 1250), der hochgebildet, mit der geistig-kulturellen Welt von Byzanz bestens vertraut und quasi ein "Sizilianer mit schwäbischem Migrationshintergrund" war, blieb somit die byzantinische Kultur auf einem Niveau erhalten, das nicht von Konstantinopel unterschied. Hinzu kam, dass sich mit dem Fall Konstantinopels im Jahre 1204 das byzantinische Universalreich auflöste und viele Menschen das Land in Richtung Westen verließen und dabei Geist und Kultur ihrer Heimat mitnahmen. Mit dem Tod Friedrich II. endet die enge Bindung zu Byzanz. Griechisch war keine Urkundensprache mehr, hohe griechische Würdenträger wurden nicht mehr gebraucht, künstlerische Aktivitäten eingestellt. Nur noch die Mönche blieben hinter Klostermauern als Lehrer, Philosophen und Vermittler griechischer Bildung eine nachwirkende Konstante byzantinischer Kultur, Wissenschaft und Kunst. Sie bildeten die ersten italienischen Humanisten - unter ihnen Francesco Petrarca und Giovanni Boccacio - aus und trugen so entscheidend zur Entstehung der Renaissance bei. Mit Recht kann man sagen, dass die Griechen Süditaliens zugleich Bewahrer und Vermittler der griechischen Kultur schlechthin gewesen sind.

In Kalabrien und Apulien existieren noch heute Gemeinden mit griechisch sprechenden Bevölkerungsgruppen. Aufgrund ihrer Sprache, dem "grico" sowie ihrer uralten Sitten und Gebräuche, die zum Teil auf griechische Tradition der Antike zurückreichen, geht man davon aus, dass die Existenz dieser Gemeinden in Süditalien ununterbrochen auf die Zeit der ersten Siedler der Magna Graecia zurückgehen. Die Referentin unterlegte ihren Vortrag mit Bildern dieser Minoritäten sowie ihren Liedern und Tänzen in Originalaufnahme. Was bleibt, ist die Sprache und die Musik, was letztendlich die Identität dieses Volkes ausmacht. Und so wächst der Stolz darauf, direkte Nachkommen der alten Griechen zu sein, ebenso wie das Bemühen, die Identitätsinhalte an die Kinder weiterzugeben.

Peter Zeyer

zurück