Pressemitteilung des Heppenheimer Geschichtsvereins zur Mühlenwanderung vom 28.3.2004

HEPPENHEIM. „Zur Geschichte einer Stadt gehört auch die Geschichte ihrer Mühlen.“ Mit diesen Worten begrüßte der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Dieter Schnabel, die zahlreich erschienenen Interessenten an der kürzlich durchgeführten Mühlenwanderung des Vereins. „Es ist an der Zeit“, so Schnabel weiter, „dass wir uns diesen Teil unserer Stadtgeschichte wieder in Erinnerung rufen.“ Dr. Karl Härter erläuterte den Teilnehmern die Entwicklung der Mühlen, die auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Die erste Erwähnung einer Mühle in Heppenheim ist aus dem Jahre 1480. Mühlen gehörten im Mittelalter generell dem Landesherrn oder Adeligen, die sie an Müller weiter verpachteten und dafür Pacht erhielten. Die Bauern der Umgebung waren gezwungen, das Getreide in den Mühlen ihrer Herrschaft mahlen zu lassen. Daher mussten auch die Bauern aus dem Ried an die Bergstraße kommen, denn nur hier gab es Mühlen, die das Wasser der Odenwaldbäche als Antrieb nutzten.

35 Mühlen sind an den drei Bächen, die durch Heppenheim fließen, nachgewiesen worden. Dazu kommen noch drei in Mittershausen und eine in Ober-Laudenbach. Der Mühlenforscher Heinz Reitz hat in seinem Buch „Mühlen wiederentdeckt“, jede einzelne genau beschrieben. Die Teilnehmer der Exkursion erfuhren weiterhin, dass die Müller keinen guten Ruf hatten, denn jeder Bauer misstraute ihnen, befürchtete, dass er beim Mahlen seines Getreides betrogen wurde. Im Gegensatz zu anderen Handwerkern waren sie oft „unzünftig“. Nicht so in Heppenheim und Bensheim. Hier gab es eine Müllerzunft, die von der Mainzer Landesregierung eingeführt worden war, damit sich der Ausbildungsstand der Müller verbessern sollte. Mit Erfolg. Aber das Misstrauen blieb.

Die große Anzahl an Mühlen in Heppenheim sieht Dr. Härter als Zeichen für den relativen Wohlstand und die Fruchtbarkeit der Gegend. Es gab nicht nur Getreidemühlen, sondern auch Schneidmühlen (Sägemühlen), Ölmühlen, aber auch Papier- und Pulvermühlen.

Mit historischen Fakten versehen begann die Wanderung, die zu den Mühlenstandorten im Kirschhäuser und Erbacher Tal führte, an dem Platz, an dem bis 1970 die Heppenheimer Stadtmühle stand. Mit ihr wurde eine völlig intakte und eingerichtete Mühle unnötigerweise abgerissen, dem damaligen Zeitgeist entsprechend. Weiter ging die Wanderung über den Eisenpfad am blühenden Schlossberg entlang zum nächsten Mühlenstandort. Fast auf den Tag genau, vor 59 Jahren, am 27. März 1945, wurde die Weihersmühle beim Einmarsch amerikanischer Truppen zerstört. Etwas weiter oberhalb stand die Schäfersmühle, die 1949 abbrannte. Beide Mühlen erhielten ihr Wasser vom Mühlgraben, auch „Mühlbach“ genannt, der sich am Fuß des Schlossberges entlangzieht, bzw. -zog, denn nur noch ein kurzes Stück ist von ihm sichtbar. Es wäre an der Zeit, die noch erhaltenen Teile des Grabens zu säubern und in einen präsentablen Zustand zu versetzen, meinten einige Teilnehmer. Dann würden auch die alten Steinbrücken besser zur Geltung kommen, die hie und da noch den Graben überspannen. An der Rückseite der „Schindersburg“ vorbei, die einst das Wohnhaus des Müllers Hans Scherig war, ging es zur Tugersmühle. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich aus einem Mühlenstandort ein moderner Industriebetrieb entwickelt hat. Weiter oben in der Vorstadt erreichten die Wanderer die Stelle, an der einst der Mühlgraben aus dem Stadtbach gespeist wurde. Sie ist heute nicht mehr sichtbar, denn der Stadtbach fließt unterirdisch. Die Firma Wendt, die sich auf der anderen Straßenseite bei der Wendtmühle angesiedelt hatte, stellte einst Ausrüstungen für Mühlen her. Die sogenannte Schlappenmühle in der oberen Vorstadt war die letzte in Heppenheim errichtete Mühle. Ihren Namen verdankt sie der Tatsache, dass hier für kurze Zeit Holzsohlen gefertigt wurden, wie Hans Rittersberger, neben anderen Einzelheiten, mitzuteilen wusste. Weiter ging es an Fischweiher vorbei, auch dort gab es einst zwei Mühlen, nach Kirschhausen zur Mittagsrast. Als nächstes standen die Mühlenstandorte im Erbacher Tal auf dem Programm. Passenderweise über den Mühlenbuckel erreichten die Teilnehmer ihr Ziel. So mancher Heppenheimer kann sich noch an das Mühlrad der Lohschen Mühle erinnern, das vor Jahren vom THW Heppenheim neu gebaut wurde. Es ist heute verschwunden, die Erinnerungen daran blieben. Erinnerung sind auch die anderen Mühlen, die einst im Erbacher Tals standen – es waren ihrer vier. Sie fielen alle der Spitzhacke zum Opfer.

Bleibt abschließend festzustellen, dass die Teilnehmer viel Freude an der interessanten Exkursion des Heppenheimer Geschichtsvereins hatten. So manche Erinnerung an die Zeit, als Stadtbach und Erbach noch offen durchs Tal plätscherten, wach. Bleibt zu hoffen, dass sich die Planung einer ähnlichen Tour ins Hambacher Tal mit seinen vielen Mühlenstandorten verwirklichen lässt. Der Heppenheimer Geschichtsverein hat es jedenfalls versprochen.

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Zuletzt aktualisiert am 26.12.2005