Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Auf den Spuren der Galgenopfer

1250 Jahre Heppenheim: „Galgenwanderung“ des Geschichtsvereins mit über siebzig Teilnehmern

HEPPENHEIM. Wehe, die Teilnehmer der vom Geschichtsverein organisierten „Galgenwanderung“ hätten Scharfrichter spielen und über Petrus „Recht“ sprechen dürfen. Wahrscheinlich hätten sie den Daumen gesenkt und ihn dem Schafott ausgeliefert. Justament, als die Gruppe am Sonntag nach zweistündiger Exkursion an der alten Hinrichtungsstätte angekommen war, besann sich der bis dahin gut gelaunte Wettermacher eines anderen und ließ über sie einen mit Hagelkörnern durchmischten Wolkenbruch niedergehen. Schutzlos standen sie nun da, die Damen und Herren Wanderer, und mussten ebenso hilflos mit ansehen, wie in den soeben kredenzten „Galgentrunk“ – den köstlichen Jubiläumswein zum Stadtjubiläum – der eine oder andere Regentropfen fiel. Dieter Schnabel, Vorsitzender des Geschichtsvereins, trug’s zusammen mit den über siebzig „Galgenwanderern“ mit Fassung. Man könnte auch sagen: mit Galgenhumor.

Obwohl bis auf die Haut durchnässt, dürfte niemand seine Teilnahme bereut haben. „Eine wirklich außergewöhnliche und vor allem hochinteressante Veranstaltung“, lautete das übereinstimmende Urteil. Dass die Exkursion auf den Pfaden Heppenheimer Gerichtsbarkeit zu einem Erfolg werden konnte, war vor allem auf den erneut faszinierenden Erzählstil von Karl Härter zurückzuführen. Der Heppenheimer Historiker glänzte mit reichem Detailwissen, brachte die Ergebnisse wissenschaftlicher Recherchearbeit aber mit spielerischer Leichtigkeit „rüber“ – zwischen Daten, Fakten, Zahlen immer wieder Schilderungen, die die Komplexität historischer Zusammenhänge in einem auch für den Laien verständlichen Licht erscheinen ließen.

Höhe- und gleichfalls Schlusspunkt der „Galgenwanderung“ war die improvisierte Anwesenheit eines leibhaftigen „Scharfrichters“, verkörpert von Manfred Berg. Der Leiter des Bensheimer Stadtarchivs und Zweite Vorsitzende des Museumsvereins präsentierte dabei sogar den Totenkopf eines Delinquenten. Fast schon etwas makaber: In den Genuss des „Henkertrunks“ konnte nur kommen, wer den Schädel vorher „gestreichelt“ hatte.

Mit einer derart sanften Behandlung hatten die Opfer von einst freilich nicht rechnen können, schon gar nicht, als ihr letztes Stündlein geschlagen hatte und auf dem Hinrichtungsplatz an der Gemarkungsgrenze zwischen Heppenheim und Bensheim zur Exekution geschritten wurde. Vorausgegangen war jeweils drei Tage vorher auf dem Heppenheimer Centgericht der Urteilsspruch. Verscharrt wurden die Leichname auf einem Gelände in der dem Galgenplatz benachbarten Tiefebene.

„Es ging schon gewaltig zur Sache“, formulierte Karl Härter auf die Frage nach der Opferzahl. Nach seinen Recherchen lassen sich allein für den Zeitraum von 1530 und 1799, als der Hambacher Niclas Dörsam an den Strick geliefert wurde, 55 Hinrichtungen belegen. Die tatsächliche Zahl dürfte nach Härters Einschätzung allerdings dreimal so hoch gewesen sein – mindestens. Dass die Hinrichtungszüge vom Centgericht zum Galgenplatz von wenigstens tausend, vereinzelt sogar 2000 Menschen begleitet wurden, wirft ein besonderes Schlaglicht auf die Zustände jener Zeit und lässt den Schluss zu, dass es sich bei ihnen um „gesellschaftliche Ereignisse“ gehandelt hatte.

Als Gerichtsstandort tritt Heppenheim erst nach dem Zerfall des Lorscher „Klosterstaates“ in Erscheinung. Erste Erwähnungen über die „Blut- und Malefizgerichtsbarkeit“ finden sich in den Jahren 1224 und 1228. Endgültig aufgehoben wurde das Centgericht 1821, nachdem die Stadt und das Oberamt Starkenburg von Kurmainz an die Landgrafschaft Hessen (1803) übergegangen waren (Reichsdeputationshauptschluss). Auf dem Landberg, der kleinen Erhebung hinter dem Clubhaus des FC Starkenburgia, wurden freilich nur schwere Fälle verhandelt, besonders Delikte mit kriminellem Hintergrund. Recht oder das, was man dafür hielt, sprach außerdem das Stadtgericht, das kleinere Ordnungsvergehen und „Frevel“ nicht selten mit dem Pranger bestrafte.

Die zivile Gerichtsbarkeit wurde vom Amtmann und Amtskeller wahrgenommen. Die Herren traten im Amtshof zusammen und mussten, da für die Täterüberführung weder Fingerabdrücke noch eine Gen-Datei zur Verfügung stand, das Mittel der Folter in Anspruch nehmen: Prügel, Daumenschrauben, Spanischer Stiefel, Streckbank. Das so genannte „Arme-Sünder-Stübchen“ im Winzerkeller war Schauplatz dieser durchaus üblichen Verhörmethoden.

Tatsächliche Sünder und Verdächtige wurden bis zum Verhandlungstag in den ehemaligen Stadttürmen oft monatelang eingekerkert, daher auch der Name „Diebsturm“ (= Diebe) im östlichen Teil der Altstadt. Der Ort war nach einer kurzen Begrüßung von Dieter Schnabel und Einführung von Karl Härter direkt vor den Prangern des Rathauses ebenso Anlaufpunkt der Exkursion wie der Landberg und der Galgenplatz.

Station gemacht wurde außerdem am „Streitstein“ von 1603. Der am nördlichen Stadtausgang gesetzte Stein erinnert an den „Zoff“, der einst zwischen Heppenheimer und Bensheimer Wäppnern (Waffenträgern) über die Frage ausgebrochen war, in welcher Reihenfolge sie die Gefangenen zum Centgericht begleiten sollten.

Man sieht: die Rivalität beider Städte machte auch nicht Halt, wenn es um so traurige Anlässe wie eine Aburteilung gegangen ist.

Starkenburger Echo, fk, 13.7.2005

Bilder von der Galgenwanderung

Galgenwanderung

Galgenwanderung

Fotos: M. Bräuer

An der Richtstätte

Galgenwanderung

Foto: Lutz Igiel (www.lugfoto.de)

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Zuletzt aktualisiert am 25.02.2006