Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

1300 Jahre Geschichte am Zullestein
Geschichtsverein: Exkursion zur Burg Stein - Historische Spuren von der Römerzeit bis zum Dreißigjährigen Krieg

HEPPENHEIM. Als „Schlüssel zur Bergstraße“ bezeichnete Matthäus Merian 1645 die Burg Stein und den Zullestein, die Ziel einer Exkursion des Heppenheimer Geschichtsvereins war. Rund 35 Teilnehmer machten sich vor kurzem nach Nordheim auf, um diesen nahe der Mündung der Weschnitz in den Rhein im Steiner Wald liegenden, bedeutsamen historischen Ort zu erkunden. Vier wichtige historische Epochen unseres Raums lassen sich an den noch sichtbaren Überresten ablesen: Römer, Franken, Kloster Lorsch und kurpfälzische beziehungsweise wormsische Herrschaft – immerhin rund 1300 Jahre Geschichte.

Geführt wurde die Gruppe von Dr. Sven-Hinrich Siemers, der in seiner Doktorarbeit die Entwicklung der karolingischen Handelssiedlung Zullestein zur Festung Zum Stein dargestellt hat und Ines Klenner, die an einer Dissertation zu römischen Heiligtümern arbeitet. Ergänzend erläuterte Reinhilde Frank die Flora des Auenwaldes und stellte dabei ebenfalls historische Bezüge her, etwa zum „Spinat“ der Mönche, dem Girsch. Die informativen und spannenden Ausführungen von Dr. Siemers und Ines Klenner konnten die Teilnehmer an den 1970-72 ausgegrabenen Überresten unmittelbar nachvollziehen und durch das vom Geschichtsverein bereitgestellte Bild- und Informationsmaterial anschaulich vertiefen.

Dabei wurden auch Bezüge zur Geschichte Heppenheims und des Amtes Starkenburg deutlich. Bereits die Römer hatten im späten vierten Jahrhundert am Zullestein einen befestigten Platz, einen so genannten Burgus zur Sicherung einer Schiffsanlegestelle und einer Pontonbrücke über den Rhein errichtet. Seine Grundmauern mit Flügelmauern und kleinen Ecktürmchen sind nach den Ausgrabungen noch heute gut sichtbar. Diese Anlage diente auch der Sicherung des „Hinterlandes“, insbesondere der Bergstraße und der dort „wie Perlen an einer Schnur aufgereihten“ römischen Villen und Landgüter.

Von diesen lagen auch zwei auf Heppenheimer Gemarkung, die über den Zullestein eventuell Wein und Getreide verschifften. In der karolingischen Zeit (806) gelangten die Reste dieser kleinen Befestigungsanlage an das Kloster Lorsch, wurden aber für einige Jahre wieder von einem fränkischen Grafen namens Werner in Besitz genommen. Er erweiterte den Burgus um ein zweites Gebäude und eine kleine Kapelle. Ein solcher fränkischer Grafenhof war typisch für unseren Raum und bildete in ähnlicher Form die Keimzelle Heppenheims, etwa dort, wo sich heute die Schloss-Schule befindet.

Ein Graf Werner wurde im übrigen 795 als Stadtherr Heppenheims erwähnt und könnte folglich sogar mit dem Besitzer des Zullestein identisch sein. Danach gelangte der Zullestein aber endgültig ans Kloster Lorsch und wurde als Hafen, Handelsplatz und Siedlung ausgebaut, wie Dr. Siemers anhand zahlreicher Keramikfunde belegen konnte. Die Siedlung, von der heute nichts mehr zu sehen ist, brachte es gar 995 zum Marktrecht. Schließlich ging der Zullestein nach 1200 an das Fürstbistum Worms, zeitweise auch an die Kurpfalz über und wurde zur Festung mit Bergfried erweitert.

Im Dreißigjährigen Krieg legte das Amt Starkenburg zusätzlich einen Landgraben als Landwehr zwischen der Burg Stein und Bensheim an. Letztlich ließen sich die Truppen der kaiserlich-katholischen Liga, die gegen den pfälzischen Kurfürsten und Heppenheimer Stadtherren Friedrich V. vorgingen, jedoch nicht aufhalten. Die Spanier eroberten die Brücke und die Burg. Die Kopie eines zeitgenössischen Flugblatts fanden die Exkursionsteilnehmern in ihren Unterlagen. Nach weiteren blutigen Kämpfen um Burg und Landwehr wurde die „Veste Stein“ schließlich zerstört und 1657 geschleift.

Im 20. Jahrhundert war sie vergessen und nur noch als „Schloßbuckel“ in der Bevölkerung präsent. Eifrig diskutierten die Teilnehmer dann auf der nahegelegenen Weschnitzbrücke anhand mitgebrachter alter Karten mit Dr. Siemers den Verlauf der Weschnitz, die heute nördlich der Burg in den Rhein mündet. Siemers vertrat die interessante These, dass der Fluss ursprünglich südlich von Lorsch und der Burg Stein geflossen und vielleicht erst zwischen 1550 und 1650 im Zuge des Ausbaus des Grabenssystems der Landwehr in sein heutiges Bett gebracht worden sei.

Derart mit unmittelbaren Eindrücken, anschaulich präsentierten Informationen und reichlich Diskussionsstoff versehen, machten sich die Teilnehmer abschließend auf den Weg in eine Nordheimer Gaststätte, wo eine rundum gelungene Exkursion ihren „zünftigen“ Abschluss fand. Einig war man sich auch: Die Reste des Zullestein und der Burg Stein dürfen nicht wieder dem Vergessen anheim fallen, und die Verantwortlichen täten gut daran, die Pflege dieses für die Geschichte unseres Raums einmaligen Ortes erheblich zu verbessern. In seinem gegenwärtigen Zustand bietet er einen eher kläglichen Anblick.

Starkenburger Echo, mst - 30.05.2006

Exkursionsteilnehmer in der Diskussion

Exkursionsteilnehmer

Dr. Sven-Hinrich Siemers bei seinen Erläuterungen

Siemers bei seinen Erläuterungen

Fotos: Manfred Bräuer

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Zuletzt aktualisiert am 30.05.2006