Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Nicht nur Orte der stillen Trauer
Tag des offenen Denkmals: Exkursion vom Kirchplatz zum Alten Friedhof - Umgang mit Toten im Wandel der Zeit

HEPPENHEIM. "Rosen, Rasen und Rabatten" lautete in diesem Jahr das Motto des Tag des Offenen Denkmals. In Ermanglung größerer historischer Gärten oder Parks in Heppenheim, die normalerweise der Öffentlichkeit unzugänglich sind - außer dem "geheimen Garten des Landrats" - erwählte das Veranstalter-Team in Heppenheim den Kirchhof, den anschließenden Pfarrgarten und den alten kirchlichen Friedhof zum Ziel einer gut zweistündigen Exkursion. Rund 50 Interessierte folgten und lauschten gespannt den Ausführungen. Treffpunkt war der Kirchhof vor Sankt Peter und viele waren erstaunt zu hören, dass sie hier auf einem Boden standen, unter dem bis 1676 die Toten bestattet wurden. Zwar sei er nicht die älteste Bestattungsstätte von weit mehr als zehn. Von 700 bis 750 hätten die Franken ihre Toten am Weißen Rain beerdigt. Ungetaufte oder Verbrecher kamen auf den sogenannten Galgenacker, Juden wurden in Alsbach beerdigt und Protestanten überwiegend in Zell.

Der Kirchhof war nicht nur Ort der Trauer und des Totengedenkens. Er sei auch Zeuge der Trauerkultur unserer Vorfahren und "das soziale Gedächtnis der Stadt". "Damit geht diese Stadt jedoch nicht besonders pfleglich um", bemerkte Museumsleiter Ulrich Lange kritisch, denn vieles sei, besonders in den letzten 30 bis 40 Jahren, verschwunden.

Erstaunt erfuhren die Teilnehmer dieses Rundgangs, wie die Menschen damals mit ihrer Trauer und den Verstorbenen umgingen. Die Toten wurden nicht in Särgen, sondern in Leintüchern beigesetzt, es gab keine Grabsteine und keine spezielle Ordnung. Erst seit 1890 mischte sich der Staat ein und erließ eine Friedhofsordnung - damit setzte auch die Kommerzialisierung der Bestattung ein.

So waren Beerdigungen, zu denen die ganze Stadt kam, zwar stark religiös, aber danach wurde auf den Gräbern tüchtig gefeiert. Es gab den Leichenschmaus und den Leichentanz; manchmal ging das Feiern sogar so weit, dass sich der Mainzer Erzbischof bemüßigt sah, einzugreifen "wegen verderblicher Unordnung, üppiger Pracht und kostspieligen Handels bei Sterbefällen mit dem Leich- und Trauerwesen".

Wie heute aber war der Kirchhof zugleich Parkplatz. Leute brachten Tiere mit und diese grasten derweil dort ganz ungeniert. Außerdem galt der Platz als Schutz- und Friedensraum und bot Asyl. Nachts war er in Zeiten des Aberglaubens auch Anziehungspunkt für Leute, die schaudernd an Magie und Wiedergänger glaubten.

Obwohl es auch damals hieß, im Tod sind alle Menschen gleich, haben sich Standesunterschiede doch manifestiert.

Je angesehener oder reicher der Bürger, umso näher war sein Grab der Kirche und "dem Himmel". Manche bekamen steinerne Epitaphe in der Kirche und Amtspersonen wie etwa der Amtskeller Mackard, ein hoher Finanzberater, baute sich und seiner Familie mit der Kreuzigungsgruppe auf dem damals weitaus größeren Kirchplatz einen barock-christlichen Kalvarienberg, der an Golgatha erinnern und an die Vergänglichkeit mahnen sollte.

Bei einem kurzen Blick in den Pfarrgarten konnte man erkennen, wo die alten Epitaphe früher an der Mauer von Sankt Peter angebracht waren, bevor sie wegen der Umwelteinflüsse wieder abgenommen wurden.

Da die meisten Heppenheimer auf dem Kirchhof um Sankt Peter über Jahrhunderte ihre letzte Ruhe fanden - und wegen der verheerenden Pest und einer Kindersterblichkeit von 50 Prozent - war auf dem Kirchhof bei schließlich kein Platz mehr. 1676 wurde am Erbacher Tal der Alte Friedhof angelegt und 1912 erweitert, nachdem 1884 das Friedhofswärterhaus gebaut wurde. Lange Leichenzüge von Sankt Peter bis hierher waren angesagt, bis 1936 eine bescheidene Friedhofshalle gebaut wurde, die 1954 durch eine neue, im Stil der Zeit ersetzt wurde. Die allerdings liegt brach, denn das Dach ist undicht.

Würde sie restauriert, sagt Museumsleiter Lange, könnte man daraus ein "Lapidarium" machen, ein kleines Museum für kulturhistorisch wertvolle Grabsteine, die im Freien dem Untergang geweiht sind, wie man deutlich sehen kann.

Beim Rundgang über den Alten Friedhof verwiesen die Führer auf besonders aussagekräftige Grabsteine, die sowohl die kulturelle und künstlerische wie die Stadtgeschichte spiegeln. Sie erzählen nicht nur etwas über den Rang oder die Bedeutung der Menschen und Familien, die dort beigesetzt wurden, sondern auch über den sich wandelnden Zeitgeist.

Starkenburger Echo, juri - 12.9.2006

Der Bericht über die Führung in Heppenheim anlässlich des Tages des offenen Denkmals am vergangenen Sonntag bedarf einiger Ergänzungen. "Was bleibt... vom Kirchplatz zum Friedhof" war das Motto der Führung, die vom Heppenheimer Geschichtsverein und dem Museum der Stadt gemeinsam veranstaltet wurde. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Dr. Karl Härter, die Erläuterungen auf dem Heppenheimer Kirchenplatz gab. Von ihm stammte auch das Informationsblatt, das jeder Teilnehmer der Exkursion erhielt.

Volker Scheller, in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied er Altstadtfreunde, wies auf die neue Beschriftung der Ehrenmale (Pressebericht) für die Gefallenen aus dem Laudenbacher Gefecht an der Mauer des Landratsamtes hin. Auf dem kircheneigenen Friedhof teilten sich schlie▀lich Ulrich Lange vom Museum und Hans Joachim Büge vom Geschichtsverein die Führung zu den verbliebenen alten Grabdenkmälern.

Kirchhof-Führung

Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Dr. Karl Härter, bei seiner Einführung in die Geschichte der Begräbniskultur auf dem Kirchenplatz.
Photo: Manfred Bräuer

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Zuletzt aktualisiert am 12.09.2006