Gedenkstein auch für Freischärler?
Altstadtfreunde: Fortschritte in der Ehrenmalanlage am Graben – Appell zu größerer Verantwortung für die Geschichte
HEPPENHEIM. Das Werk ist vollbracht: Passend zum Tag des Denkmals (Pressebericht) konnten Heppenheims Altstadtfreunde für die von ihnen angestoßene und finanzierte Sanierung der Gedenksteine in der Ehrenmalanlage am Graben Vollzug melden. Konkret handelt es sich dabei um jene vier Granitblöcke, die nordöstlich des Brunnens errichtet worden sind. Sie erinnern an die beim sogenannten Ober-Laudenbacher Gefecht im Revolutionsjahr 1849 gefallenen elf Soldaten und an den bei der gleichen Auseinandersetzung ums Leben gekommenen Kreiskommissär Prinz. Die eingemeißelte Schrift auf den ihnen gewidmeten Tafeln war in den verflossenen 150 Jahren unleserlich geworden und bedurfte als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte einer Generalüberholung.
Das Geld dafür hatten die Altstadtfreunde aus dem Erlös der jüngsten "Strooßewärdschaft" bereitstellen können. Der aus Heppenheim stammende und in Laudenbach arbeitende Bildhauer- und Steinmetzmeister Ludwig Kriz kam dem Verein entgegen, restaurierte zum Freundschaftspreis – mit dem Resultat, dass die Gedenkstätte nun in neuem Glanz erstrahlt. Über den in den vier Blöcken verewigten Namen der Opfer prangt immer der gleiche Spruch: "Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Zucht" (Timotheum I.VII.).
Auf die Frage, wann genau die Steine gesetzt wurden, kann selbst der in das Projekt eingebundene Geschichtsverein keine sichere Antwort geben. Entsprechende Dokumente fehlen entweder ganz oder liegen "verschüttet" in irgendeinem Archiv. Gleichwohl darf davon ausgegangen werden, dass der zeitliche Abstand zwischen den Vorgängen in Ober-Laudenbach und der Übergabe nicht allzu groß gewesen sein kann.
Dass nur den Militärs ein Denkmal gesetzt wurde, passte in die Zeit. In den Augen des Großherzogtums Darmstadt waren die 15 bei der Schießerei ebenfalls ums Leben gekommenen Zivilisten rebellische Umstürzler, die sich für so "ungute Ideen" wie die Demokratie einsetzten. Inzwischen sind Überlegungen im Gange, auch für die Freischärler eine bleibende Erinnerung zu schaffen.
Volker Scheller, sowohl bei den Altstadtfreunden als auch beim Geschichtsverein aktiv, ist vor allem deshalb ein entschiedener Fürsprecher, weil dies aus seiner Sicht ein Beitrag zur "historischen Wahrheit" wäre. Opfer, so Scheller, seien beide Seiten gewesen.
Mit der Sanierung sollen die Arbeiten an der in ihrer Geschlossenheit weit und breit einmaligen Ehrenmalanlage noch nicht abgeschlossen sein. Altstadtfreunde und Geschichtsverein wollen sich dafür einsetzen, dass das die Sicht auf die Steine versperrende Gebüsch ausgelichtet wird. Noch mehr Kopfschmerzen bereitet ihnen die im Südwestbereich erstellte Anlage zur Erinnerung an die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gefallenen oder vermissten Heppenheimer Soldaten.
Der auf dem Sockel thronende Siegesengel aus Terrakotta war wiederholt Zielscheibe offenbar nächtlicher Wurfübungen. Ergebnis: der Engel ist halbseitig "flügellahm". Ganz abhanden gekommen ist der Lorbeerkranz, den die kunstvoll gefertigte Statue einst in ihrer rechten Hand hielt.
Volker Scheller vermutet, dass es sich bei dieser Schändung nicht um einen üblen Streich Halbwüchsiger, sondern um planvolles Vorgehen handelt. Der Kranz ist aus Metall gefertigt. Historisch wertvolle Schmiedearbeiten lassen sich auch dann auf dem Schwarzmarkt versilbern oder sogar vergolden, wenn sie nur aus Eisen sind.
Die Kosten zu der im ECHO schon mehrfach angemahnten Restaurierung des schon seit längerem lädierten Siegesengels müsste nach Schellers Dafürhalten, mit Unterstützung anderer, von der öffentlichen Hand übernommen werden. Eine Stadt dürfe nicht nur an das Jetzt und Heute denken, sondern müsse sich auch ihrer geschichtlichen Verantwortung stellen.
Ob das Rathaus reagiert, ist indessen fraglich: Bereits in den Jahren 2001, 2003 und 2005 war im ECHO angeregt worden, den auf dem Weimar-Betriebsgelände in der Siegfriedstraße entdeckten Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg gefallenen und vermissten Mitglieder der Arbeitersport- und -gesangvereine in die Ehrenmalanlage am Graben zu integrieren. Aufgegriffen wurde der Fund auch im Festbuch "1250 Jahre Heppenheim" (Seiten 201/202) – auch hier verlorene Liebesmüh. Getan hat sich nichts. Über das fast auf den Tag genau vor 80 Jahren (29.8.1926) feierlich eingeweihte Denkmal wächst wieder Gras.
Selbst die SPD-Fraktion zeigte keine Reaktion. Dabei handelte es sich bei den auf dem Findling namentlich genannten Opfern um Männer, die in schwierigster Zeit zu den sozialdemokratischen Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit standen.
Starkenburger Echo, Fritz Kuhn - 13.9.2006
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