Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Siegfried starb wohl nicht im Odenwald
Historie: Stammtisch "Heppenheimer Geschichte(n)" beschäftigt sich mit den Geheimnissen der Nibelungendichtung

HEPPENHEIM. "Einen konkreten historischen Hintergrund für das Nibelungenlied gibt es eigentlich nicht", das war das Fazit eines interessanten Abends zum Thema Nibelungenlied. Der Heppenheimer Geschichtsverein hatte in den Boosenhof zu seinem Stammtisch "Heppenheimer Geschichte(n)" eingeladen. Vorsitzender Dr. Karl Härter begrüßte zunächst die Anwesenden. Danach ergriff der Vorsitzende des Bensheimer Museumsvereins, Siegfried Eschborn, das Wort und gab einen literaturhistorischen Überblick über die Entstehung und Bedeutung des Nibelungenliedes, das er lieber mit dem Titel Nibelungendichtung versehen würde.

Insgesamt gibt es über 36 Handschriften und Fragmente dieser bedeutenden mittelalterlichen Dichtung, deren Entstehung in das 13. bis 16. Jahrhundert datiert wird. Das Nibelungenlied entstammt, im Gegensatz zu anderen Werken jener Zeit, dem germanischen Kulturkreis. In dieser Heldendichtung werden Ereignisse und Vorkommnisse verarbeitet, die bis in die Zeit der Völkerwanderung zurückreichen, auch andere Sagen wurden eingebunden.

Die Nibelungendichtung ist aber kein historisches Werk. Zwar lassen sich einzelne Gestalten und Vorgänge daraus in der Geschichte wiederfinden, aber sie wurden der Dichtung untergeordnet. So sind beispielsweise die Burgunder historisch in unserer Gegend kaum nachzuweisen. Archäologisch haben sie in Worms keine Spuren hinterlassen. Bei anderen Personen und Ereignissen ist es ähnlich.

Von den überlieferten "Nibelungenliedern" ist nur die Handschrift C, die im Kloster Hohenems aufgefunden wurde, für den Bergsträßer Raum interessant. Nur in ihr gibt es geografische Bezüge zu unserer Heimat, werden Lorsch und die Jagd vor dem Odenwald erwähnt.

Was liegt also näher, als den Verfasser, oder besser den Bearbeiter dieser Fassung in unserem Raum zu vermuten. Darüber sind viele scharfsinnige Aufsätze verfasst worden. Die neueste Theorie ist die, dass der Minnesänger Bligger II. von Steinach der Urheber der Handschrift C ist. Vielleicht entstand das Werk aber in der Schreibstube des Klosters Lorsch als Auftragsarbeit. Das würde erklären, warum nur in der Handschrift C Ortsbezeichnungen wie Lorsch und Odenwald auftauchen, die auch heute noch in den hiesigen Gemarkungen zu finden sind. Ob freilich der Ort Otenheim (Odenheim) bei Lorsch zu suchen ist, oder im Kraichgau – zu dem dortigen Kloster unterhielten die Lorscher Mönche gute Beziehungen – blieb ebenso ungeklärt, wie die Fragen nach Entfernungen, Zeitgefühlen und dem möglichen Begräbnisplatz Siegfrieds im Kloster Hagen bei Lorsch, das zum Wormser Bistum gehörte.

Natürlich entstanden lebhafte Diskussionen, als es um die Erörterung der Ortsnamen ging, von denen einige den Teilnehmern des Stammtisches durchaus vertraut waren. Auch um den Platz, an dem der unbekannte Autor den Meuchelmord an Siegfried stattfinden ließ, gab es einige Diskussionen.

Der Odenwald, die Gras-Ellenbacher werden es nicht gerne lesen, scheidet als Tatort aus. Denn die Handschrift C weist ausdrücklich auf den Brunnen vor dem Otenwald hin. In vier Zeilen als Anhang an das 16. Abenteuer, die vielleicht der unbekannte Schreiber der Handschrift C angefügt hat, um "seine" Region zu verewigen.

Interessant war es auch zu hören, welche Rolle die Nibelungen in der neueren deutschen Geschichte gespielt haben: Friedrich der Große lehnte das Werk ab, Richard Wagner machte die Nibelungen in seinen Werken berühmt. Ebenso ist das Wort von der Nibelungentreue der Deutschen in die Geschichtsbücher eingegangen. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte das Werk seine Verfilmung durch Fritz Lang.

In Worms setzte bereits in den 1920er Jahren eine intensive Vermarktung mit "Nibelungenstadt" und Festspielen ein, wie ein von der Runde diskutierter Aufsatz aus der neuen Wormser Stadtgeschichte anschaulich darstellt. Ist es daher vielleicht kein "Zufall", sondern eine Reaktion auf die Wormser Aktivitäten, dass auch in Heppenheim gerade 1931 ein weit außerhalb der Stadt, am Ende des Viehwegs bei den Linden gelegener alter Brunnen den Namen "Siegfriedbrunnen" erhielt?

Heute wird erneut versucht, die Nibelungen für die Vermarktung der Region einzuspannen. In Worms haben sich die Nibelungen-Festspiele vor dem Dom etabliert, ein neues Nibelungenmuseum ist entstanden. Auch die Nibelungenbrücke über den Rhein erlebt einen Neubau.

Der Kreis Bergstraße versucht, seine Tourismuswerbung auf die Nibelungen auszurichten. Allerdings fragten sich die Teilnehmer, was eigentlich vermarktet wird: Raub, Mord, Vergewaltigung, Verrat, blutige Rache an Verwandten bis zum eigenen Untergang, tödliche Eifersucht – gut, die eine oder andere Liebesromanze gibt es in der Geschichte um die Nibelungen auch.

Bleibt abschließend noch ein letzter Bezug zu Heppenheim zu erwähnen: Der letzte Film-Siegfried, der Hammerwerfer Uwe Bayer, zeitweilig sogar Mitglied in einem Heppenheimer Sportverein, heiratete in Mörlenbach im Odenwald. Der heutige Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Karl Härter, versorgte mit einer Heppenheimer Band die Hochzeitsgesellschaft mit Musik, und "Siegfried" sang sogar ein paar Lieder mit.

Starkenburger Echo, e - 22.11.2006

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Zuletzt aktualisiert am 26.11.2006