Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Raue Sitten in grauer Vorzeit
Ortsbeirat: Einblicke in die Geschichte beim Gemarkungsrundgang in Erbach - Drakonische Strafen für Grenzverletzer

ERBACH. Über sechzig Interessierte, Ortsbürger und Gäste aus anderen Stadtteilen, nahmen am vergangenen Sonntag am Erbacher Grenzgang unter der Leitung von Manfred Bräuer und Reinhard Raimund teil. Der Ortsbeirat Erbach hatte zu einer Wanderung entlang des östlichen Teils der Erbacher Gemarkungsgrenze eingeladen.

Manfred Bräuer erläuterte den Teilnehmern die geschichtlichen Hintergründe zu Grenzziehungen, Grenzmarkierungen und Grenzgängen. Die Umgänge entlang der Gemarkungsgrenze dienten einerseits dazu, die Vollständigkeit und Ordnungsmäßigkeit der Grenzmarkierungen festzustellen, andererseits sollte das Wissen um die Grenzverläufe und -marken erhalten bleiben.

Oft musste auch die männliche Jugend teilnehmen, um sich die Lage der Grenzmarken einzuprägen. Dazu wurden besondere Handlungen vorgenommen. Beispielsweise warf man an einem Grenzstein Geldstücke in die Luft. Die Münzen sammelnden Jungen wurden dann mit kaltem Wasser übergossen, damit sie sich den Grenzpunkt merkten.

Oder den ihnen wurde auf besonders wichtige Grenzsteine ein Weck gelegt, "welchen sie zum Gedächtnis mit dem Maul aufnehmen müssen". Häufig wurden sie unsanft auf die Grenzsteine gesetzt oder erhielten zur Erinnerung eine Ohrfeige. Heute, so Bräuer, dienen die Grenzgänge eher der Heimatpflege und der Information über aktuelle Themen als den ursprünglichen Zwecken.

Da die Grenzen und ihre Markierungen heilig waren, standen auf Grenzverwirrung, Beschädigen, Versetzen oder Beseitigen von Grenzsteinen drakonische Strafen. Bereits im Alten Testament ist zu lesen: "Verflucht, wer den Grenzstein seines Nachbarn verrückt."

Im Sachsenspiegel, dem bedeutendsten Rechtsbuch des Mittelalters, wurde die Beseitigung von Marksteinen und Grenzbäumen als Eigentumsvergehen betrachtet.

Eine besonders drastische Strafe drohte Mitte des 15. Jahrhnderts: "Wer den Vorstein oder Grenzstreifen vorsätzlich umpflügt, den soll man in die Erde graben und nur seinen Kopf herausragen lassen, so hoch, wie der Vorstein an seinem Platz gestanden hat.

Dann soll man mit einem neuen Pflug pflügen, mit dem noch nicht gepflügt worden ist, und mit vier an den Pflug gespannten Fohlen, die noch nicht gezogen haben, und mit neuem Geschirr am Pflug und einen Pflughalter und Treiber nehmen, die noch keinen Pflug gehalten und getrieben haben, und die sollen den Acker pflügen. Mag sich dann der eingegrabene Mann helfen, wie er kann."

Die Wanderung führte zunächst zur Grenze zwischen den Gemarkungen Erbach und Kirschhausen am Mühlweg, danach in den Langen Grund zur Grenze zwischen Sonderbach und Erbach. Unterwegs wurden die ursprünglichen Wegeverbindungen zwischen den heutigen Stadtteilen und deren Veränderungen ebenso erläutert, wie die Namen der durchwanderten Gewanne.

Nach einem steilen Aufstieg wurde die Werkstraße Röhrig erreicht. Ausführlich stellte Gerhard Röhrig die Geschichte der Steinindustrie, des Steinbruchbetriebes Röhrig und der Werkstraße dar.

Auf dem Weg vom Tal hinauf zur "Lee" folgten die Wanderer der durch zahlreiche Grenzsteine markierten Gemarkungsgrenze. Karl Härter vom Heppenheimer Geschichtsverein berichtete über das Gefecht vom 30. Mai 1849 auf der Erbacher Höhe.

Etwa 800 bis 1000 Mann, meist Freischärler, und umfangreiche reguläre hessische Truppen hatten sich hier ein Gefecht geliefert. Reinhard Raimund informierte über die Steinbrüche in der Erbacher Gemarkung, die zwar nicht die Bedeutung wie in Sonderbach hatten, jedoch auch zahlreichen Einwohnern mindestens ein Nebeneinkommen sicherten.

Peter Guthier erläuterte am sogenannten Krämerskreuz die Beweggründe, die zur Errichtung dieses Feldkreuzes durch Johannes Krämer führten.

Gerlinde Bannert vom Heimat- und Verschönerungsverein trug im Bereich "Teufelsstall" einige Sagen und Erzählungen vor. Im Bereich "Auf der Lee" wurde die Erbacher Gemarkung kurz verlassen, um die Reste der schnurkeramischen Hügelgräber zu besichtigen. Bedauerlicherweise ist das Kulturdenkmal kaum zu erkennen, die aufgestellte Informationstafel zerfällt zusehends

Starkenburger Echo, echo-online - 23.8.2007

Grenzgänger

Manfred Bräuer bei seinen Erläuterungen

Grenzgänger

Die Grenzgänger im Langen Grund

Grenzgänger

Manfred Bräuer und Reinhard Raimund an der Sonderbacher Grenze

Grenzgänger

Die Grenzgänger beim Aufstieg auf den "Bräuersbuckel"

Grenzgänger

Dank an Ingeborg und Gerhard Röhrig

Grenzgänger

Auch im Erbacher Wald gibt es (Grenz-)Steine

Grenzgänger

Karl Härter bei seinen Erläuterungen

Photos: Heinrich und Manfred Bräuer

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Zuletzt aktualisiert am 26.08.2007