Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Von Folter und Hinrichtungen
Galgenwanderung: Als Rechtsstaat noch ein Fremdwort war - Geschichtsverein erläutert das historische Gerichtswesen

HEPPENHEIM. Auf die Spurensuche nach der alten Gerichtsbarkeit in Heppenheim hatten der Heppenheimer und der Zwingenberger Geschichtsverein eingeladen. Eine stattliche Anzahl von Bürgern aus beiden Städten hatten sich am Samstag auf dem Heppenheimer Marktplatz dazu eingefunden.

Der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Karl Härter, hatte die Führung übernommen. Die Broschüre, die jeder Teilnehmer erhielt, zierte die Beschreibung der Hinrichtung des Zwingenbergers Andreas Baumann im Jahre 1568, freilich nicht in Heppenheim, sondern in Basel.

Härter wies auf die Tradition Heppenheims als Gerichtsstandort hin. Hier gab es einst drei Gerichte: Das Stadtgericht, identisch mit dem Rat der Stadt, war für die freiwillige Gerichtsbarkeit und die Aburteilung kleiner Ordnungsvergehen zuständig. Die Amtsgerichtsbarkeit, die der Amtskeller und der Amtmann der Mainzer Regierung übernahm, bestrafte kleinere Vergehen und Frevel, beispielsweise Schlägereien. Das höchste Gericht war das Centgericht auf dem Landberg. Hier wurden große Strafsachen wie Mord, Raub oder Brandstiftung verhandelt und auch Todesstrafen verhängt.

Ursprünglich war sein Tagungsort der Landberg am heutigen Sportplatz "Am Centgericht". War aber das Wetter schlecht, tagte das Gericht in der Halle des Rathauses. Hier auf dem Marktplatz wurden kleinere Vergehen bestraft. Die beiden Prangerkonsolen zeugen noch davon. Bestrafungen waren in einer Zeit ohne Fernsehen, Radio und Zeitung eine beliebte Abwechslung und hatten immer viele Zuschauer.

Weiter ging der Weg zum "Judenbad" an der Ecke Hinterer Graben, Siegfriedstraße. Hier befand sich einst der "Rote Hut" oder "Diebsturm", ein Turm der alten Stadtbefestigung. In ihn sperrte einstens die Obrigkeit die Untersuchungsgefangenen des Centgerichts ein. Reichte der Platz nicht, wurden auch Bürgerhäuser zweckentfremdet. Die Bürger mussten dann die Gefangenen auch noch bewachen. Wasser und Brot gab es als Verpflegung. Daneben dienten noch andere Türme als Gefängnisse. Auch der Bergfried der Starkenburg wurde dazu genutzt. Heppenheimer Bürger hatten ihr eigenes, etwas komfortableres Gefängnis den "Bürgerturm" und wurden von ihren Angehörigen verpflegt.

Eine weitere Station auf dem Rundgang bildete der Kurmainzer Amtshof. Er war der Sitz der Verwaltung und deshalb fanden hier die Voruntersuchungen statt, zu denen auch die Folter gehörte, denn ohne ein Geständnis konnte niemand verurteilt werden. Drei Grade gab es davon. Der Scharfrichter, der mit seinen Knechten die "peinlichen Verhöre" durchführte, kam aus Bensheim. Über seine Tätigkeiten sind die Rechnungen noch erhalten. Er verdiente als freier Unternehmer nicht schlecht an den Prozessen. Jedoch wollte niemand etwas freiwillig mit ihm zu tun haben. Allerdings war er ein gesuchter Experte in medizinischen und anderen Dingen. Ein Bensheimer Bürger, dem der Wein nicht gut geraten war, erhielt vom Scharfrichter ein Mittelchen, damit der Traubensaft genießbarer werden sollte - den Daumen eines Verurteilten, wie sich später herausstellte. Ein Skandal war die Folge, so Härter.

Zu Fuß ging es weiter zum Gerichtsplatz auf dem Landberg. Dabei wurde auch der Streitstein gewürdigt, ein Sandsteinklotz, der heute im Grünstreifen an der Bundesstraße 3 steht. Er ist das in Stein gehauene Urteil eines jahrzehntelangen Rechtsstreites zwischen Bensheim und Heppenheim über das Recht, die Gefangenen des Gerichtes zum Gerichtsplatz und zur Hinrichtungsstätte zu geleiten. Der schlichte Stein mit der Jahreszahl 1600 erinnert an das Ende des Streites.

Der alte Gerichtsplatz auf dem Landberg machte einen verwahrlosten Eindruck. Etwas mehr Pflege könnte dieser historischen Stätte gut tun. Erstmals wird sie 1224 erwähnt. Bis 1821 gab es das Centgericht in Heppenheim. Hier sprachen 14 Schöffen, je sieben aus Heppenheim und Bensheim Recht. Grundlage war ein eigenes "Gesetzbuch", das sogenannte "Weisthum auf dem Landberg", von 1430, das als bedeutende Rechtsaufzeichnung eines lokalen mittelalterlichen Strafrechts gilt. Selbst die Gebrüder Grimm haben sich mit ihm beschäftigt.

Hier auf dem Hügel, beschattet von Linden, fand der Gerichtstag statt. Bis ins 17. Jahrhundert wurde noch direkt von den Schöffen Recht gesprochen, später war der Landberg nur noch der Schauplatz des "Endlichen Rechtstags", bei dem das in Mainz ausgefertigte Urteil verkündet wurde. Aus den Unterlagen, die in den Archiven erhalten sind, geht hervor, dass auf dem Landberg 237 Kriminalfälle mit 514 Angeklagten verhandelt wurden. Bei solchen Gerichtstagen war die Centmannschaft zugegen, die Sicherungsaufgaben hatte.

War das Urteil gesprochen, der Stab über dem Verurteilten gebrochen, ging es mit einem Leiterwagen zum Hinrichtungsplatz. Der lag an der Heppenheimer Gemarkungsgrenze zu Bensheim. Er war von der Straße aus gut sichtbar. Die Obrigkeit demonstrierte doch damit, dass sie auf Recht und Ordnung hielt. Allerdings verlegte man den Platz 1751, da die Geruchsbelästigung zu heftig war.

Der neue Galgenplatz wurde ordentlich mit Grenzsteinen versehen, von denen einer noch erhalten ist. Die Teilnehmer konnten sich davon überzeugen. An der Stelle der alten Hinrichtungsstätte findet sich heute eine aufgelassene Sandgrube. Wer wollte schon seinen Weinberg auf solch verrufenem Grund haben.

Hinrichtungen waren, so Härter, stets ein großes Ereignis mit tausenden von Zuschauern. Der Galgen oder das Podest für die Hinrichtungen war aus Holz. Die Bäume dazu wurden im Lorscher Wald geschlagen, und alle Bauhandwerker Heppenheims und Bensheims waren an seiner Aufrichtung beteiligt.

Mindestens 55 Todesurteile sind hier zwischen 1525 und 1799 vollstreckt worden. Die Erhängten ließ man so lange am Galgen hängen, bis sie herunterfielen. Der Scharfrichter verscharrte sie auf dem Galgenacker. Heute befindet sich darauf die Bensheimer Kleingartenanlage. Vor einigen Jahren wurden hier drei Skelette gefunden. Sie konnten sogar identifiziert werden.

Nach so vielen Einzelheiten wurde die gemeinsame Wanderung mit einem zünftigen Galgentrunk beschlossen, wie er auch früher nach einer Hinrichtung üblich war. Der Vorsitzende des Zwingenberger Geschichtsvereins, Wolf Riebel, dankte im Namen aller Teilnehmer für die interessante und unterhaltsame Exkursion.

Starkenburger Echo, echo-online - 21.9.2007

Galgenwanderung

Foto: Lutz Igiel (www.lugfoto.de)

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 23.9.2007