Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Stammtisch Heppenheimer Geschichte(n)
Steinbrüche in Heppenheim und seinen Stadtteilen

GESCHICHTSVEREIN. "Ich habe fürs Essentragen 50 Pfennig im Monat bekommen! " "Ich nichts! Es war für meinen Vater." Beide Essensträger hätten sich auf die Reste gefreut, aber es gab keine. Steinbrucharbeiter hatten immer Hunger - und Durst. Einer von vielen Dialogen, die sich jüngst beim Stammtisch Heppenheimer Geschichte(n) entwickelten. Ins Kirschhäuser Gasthaus "Zur Post" hatte der Heppenheimer Geschichtsverein eingeladen. Nicht ohne Hintergedanken.War doch "Die Post" einst ein Stammlokal der Steinhauer gewesen. Der Wirt verwahrt noch heute das Buch, in dem durstigen, aber mittellosen Zechern "angeschrieben" wurde, bis sie am Ende der Woche ihre Schuld bezahlen konnten.

Manfred Bräuer, der den Abend organisiert hatte, begrüßte die zahlreich erschienenen Anwesenden recht herzlich im vollbesetzten Nebenraum der Gaststätte. Danach gab der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Dr. Karl Härter, einige einführende Hinweise auf die Bedeutung der Steinbrüche, die früher alle im Besitz der Gemeinde waren. Er wies auf den großen Bedarf an Steinen der Stadt Heppenheim hin. Bereits Starkenburg und Stadtmauer benötigten eine Unmenge davon. Freilich bevorzugten die Altvorderen den weichen Sandstein, den es an der Bergstraße als geologische Besonderheit gibt. Sonst herrscht im vorderen Odenwald der Granit/Diorit vor, der seit Ende des 19. Jahrhunderts zum "Exportschlager" wurde und auch in den zahlreichen Villenbauten der Bergstraße Verwendung fand. Die Fachleute dafür kamen aus Bayern, hauptsächlich aus dem Fichtelgebirge. Bald gesellten sich zu ihnen auch Gastarbeiter aus Italien. Viele von ihnen heirateten und ließen sich in Heppenheim und Umgebung nieder: So heirateten alle fünf Töchter von Katharina und Philipp Trares, die in Sonderbach eine Schreinerei und Gaststätte (heute Felsenkeller) betrieben, Steinhauer mit Namen Biereder, Schopper, Keckeis, Bravin und Kochen; letzterer war der Großvater des Vorsitzenden des Geschichtsvereins.

Wie groß die Bedeutung der Steinindustrie für unsere Region war kann an den Beschäftigtenzahlen abgelesen werden: Im Verwaltungsgebiet des heutigen Kreises Bergstraße existierten 1925 über 120 Betriebe mit nahezu 2700 Beschäftigten; allein im Kirschhäuser Gebiet. fanden über 425 Menschen in einem Groß- und 17 mittleren Betrieben Lohn und Brot. Von dieser einst blühenden Steinindustrie sind nur zwei Betriebe übrig geblieben. Der Inhaber des einen, Gerhard Röhrig, war an diesem Abend anwesend; aber auch Anton Röckl und Ernst Lulay waren unter den Gästen zu finden. Rasch entwickelte sich ein interessantes und fachkundiges Gespräch über die Geschichte und die Geschicke der Steinindustrie in und um Kirschhausen. Kirschhäuser Granit findet sich weltweit. So ist auch ein großes Denkmal in Rio de Janeiro aus heimischem Stein. Allerdings wurde es nie bezahlt, da an ihm Mängel festgestellt wurden. Dies führte zum Konkurs der liefernden Firma. Entlassungen waren die Folge, aber auch Demonstrationen der Steinhauer die nun ohne Lohn und Brot waren. Über sie wussten die Anwesenden, oft selbst "Ehemalige", vieles zu berichten.

Zuerst lieferten die Findlinge im Wald das Material für die Steingewinnung. Dann erschloss man die ersten Brüche, die von der Gemeinde gepachtet wurden. Neue Techniken, beispielsweise Sprengungen, mussten eingeführt werden. Die Arbeiter kamen zuerst aus den umliegenden Dörfern, denn es gab nur unregelmäßig Arbeit und wohl dem, der noch etwas auf seinem Acker ernten konnte. Aber bald nahm die Arbeit zu, brauchten die Brüche und die Steinindustrie mehr Arbeiter. Diese kamen in nicht geringer Zahl aus Bayern und Italien. Zunächst bezogen sie als Kostgänger bei Bauern Quartier. Aber häufig wechselten sie die Unterkunft, denn das Essen war oft nicht besonders gehaltvoll.Auch über die Streitigkeiten untereinander wurde berichtet, über Todesfälle bei der Arbeit. Die war schwer und gefährlich, viele Arbeiter litten an der Staublunge.

Ein großes Problem stellte der Durst der Arbeiter dar. Nicht wenige Frauen passten ihre Männer am Werkstor ab, damit überhaupt etwas Geld für die Familie übrig blieb. Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit von dem Bruch in der Lärche, dem heutigen Steinbruch Röhrig, bis an den Kleinen Markt in Heppenheim gab es angeblich 14 Gasthäuser, in denen der Feierabenddurst gelöscht werden konnte.

Dass die Steinhauer häufig nicht den besten Ruf hatten, erfuhren die Besucher des Stammtisches auch. Aber daneben gab es auch Heiteres zu berichten. So wurde einem Arbeiter am Stammtisch sein bester Stallhase, den er dabei hatte, zu fortgeschrittener Stunde gegen eine Katze ausgetauscht. Der Mann wunderte sich zu Hause nicht schlecht über den "Dachhasen" und musste sich einigen Spott gefallen lassen.

Neben den vielen Beiträgen zum Leben der Steinhauer gab es auch Informationen über die Produkte der Kirschhäuser und Sonderbacher Brüche. Sie wurden zuerst im Umkreis abgesetzt. Bald entstand in Holland ein großer Absatzmarkt, da sich der Granit gut für den Wasserbau eignete. Pflastersteine und Randsteine waren eine gute Einnahmequelle, denn es galt viele Straßen zu befestigen. In den schweren Zeiten der Weltwirtschaftskrise nach 1929 fand so mancher Steinhauer im Elsass Lohn und Brot. Im Nachkriegsdeutschland konnte die Steinindustrie nicht mehr an die Vorkriegserfolge anknüpfen. Viele Brüche schlossen, die Arbeiter wanderten in andere Industriezweige ab. Wer sich am Markt behaupten wollte, musste sich umstellen. Der Steinbruch Gerhard Röhrigs ist ein gutes Beispiel dafür.

Nur zu schnell verflog die Zeit der angenehm, manchmal auch hitzig plaudernden Runde. Eine Frage konnte allerdings keiner der Anwesenden beantworten, nämlich die nach dem Steinhauerlied. Gab es so etwas? Wer es kennt, wird gebeten, sich mit dem Heppenheimer Geschichtsverein in Verbindung zu setzen.

H. J. Büge

Stammtischbild3

Vollbesetzter Nebenraum

Stammtischbild4

Photos: Manfred Bräuer

Steinbruchbild

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Zuletzt aktualisiert am 21.03.2008