Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Weintrinker erhalten Stadtmauern
Tag des offenen Denkmals: Altstadtfreunde und Geschichtsverein bieten eine Stadtführung der besonderen Art

HEPPENHEIM. Eine Stadtführung der besonderen Art hatten die Heppenheimer Altstadtfreunde und der Heppenheimer Geschichtsverein zum Tag des offenen Denkmals versprochen. Am Ende der Führung durch die Altstadt zu den Resten der Stadtbefestigung konnten die Teilnehmer feststellen, dass die Veranstalter Wort gehalten haben. Selbst gute Kenner Heppenheims waren erstaunt und überrascht, wo sich überall noch Reste der alten Stadtmauern und Türme erhalten haben.

Mehr als 150 Teilnehmer konnten Volker Scheller (Altstadtfreunde) und Professor Karl Härter (Geschichtsverein) begrüßen. Kein Wunder, dass die vorbereiteten Informationsbroschüren mit zahlreichen Abbildungen schnell vergriffen waren. Aber auch so wussten die Referenten ihre große Zuhörerschaft in ihren Bann zu ziehen. Dabei halfen vergrößerte Bilder und eine ebenfalls vergrößerte eindrucksvolle Karte, auf der Heinrich Winter 1932 gewölbte Keller und Mauerreste verzeichnet hatte und die für die Führung um neuere Erkenntnisse ergänzt worden war.

Damit konnte den Teilnehmern der Verlauf der alten Mauerzüge und auch die Lage von Gewölbekellern verdeutlich werden: Denn Heppenheim verfügt noch immer über viele alte Gewölbe unter den Häusern, die sogar auf Resten von ehemaligen Türmen stehen. Einige konnten bei der Führung Dank der Großzügigkeit ihrer heutigen Besitzer besichtigt werden, was viele Teilnehmer erfreute.

Der Kirchenplatz, genauer die Pfarrkirche, als Wehrkirche erbaut und ummauert, war der Ausgangspunkt der Stadtbefestigung. Allerdings, so Karl Härter, lassen sich die Vermutungen von Winter, der sich ausführlich mit der Entwicklung der Heppenheimer Stadtbefestigung beschäftigte, nicht mehr halten. Heinrich Winter war von einer fränkischen Fliehburganlage ausgegangen, die sich zwischen Kirche und Klosterhof, der heutigen Schloss-Schule erstreckte. Im Laufe der Jahrhunderte hätte sich die Stadt mit drei weiteren Mauerringen erweitert. Heute geht die Forschung von zwei sicher nachweisbaren vollständige Mauerzügen aus. Der erste entstand etwa in der ersten Hälfte 12. oder 13. Jahrhunderts, der zweite um 1400 (1369 Stadtbrand).

Um 1300 erhielt Heppenheim vermutlich das Stadtrecht. Am 5. Juni 1360 erlaubte der Mainzer Kurfürst-Erzbischof Gerlach den Bürgern, eine indirekte Steuer auf Wein zu erheben; diese durfte, wie die anderen Einkünfte der Stadt auch, nur zur Befestigung und Ausbesserung der Stadtbefestigung verwendet werden. Die Weintrinker trugen also dazu bei, die Stadtmauern zu bauen und zu erhalten.

Für eine Stadt bedeutete die Befestigung in erster Linie Schutz vor Feinden, Dieben und Räubern. Darüber hinaus repräsentierten Türme und Mauern Freiheit und Reichtum seiner Bürger. In dieser Beziehung konnte sich die Heppenheimer Stadtbefestigung durchaus sehen lassen. Sie hatte drei gut ausgebaute Tore, das Laudenbacher, Odenwälder (Würzburger) und Untere (Wormser) Tor mit über 18 Metern hohen Tortürmen, bis zu zehn Meter hohe und zwei Meter starke Mauern sowie weitere wehrhafte Türme. Letztere waren multifunktional und dienten auch als Gefängnisse für fremde Diebe ("Diebsturm") oder einheimische Bürger (Bürgerturm, der Untere Torturm).

Nach Einbruch der Dunkelheit schlossen sich die Stadttore und niemand sollte die Stadt verlassen oder hereinkommen: Verspätete Bürger gerieten nicht selten in "Torschlusspanik".

Die Heppenheimer Wehranlage wurde auch durch Gräben geschützt, die bei Bedarf mit Wasser gefüllt werden konnten und die zudem als "Abwasserkanal" dienten. Am Unteren Tor befand sich eine Stauanlage. Aber auch der Hintergraben war häufig mit Wasser gefüllt. Da sich hier auch der Unrat der Stadt sammelte, roch es entsprechend.

Das Ende der Heppenheimer Stadtbefestigung kam im 19. Jahrhundert: 1823, 1828 und 1837 wurden die Türme auf Abbruch versteigert; das Laudenbacher Tor gar an den Bensheimer Süßbeck. 1831 erklärte die Stadt die Mauern für herrenlos, die meist in das Eigentum der Hausbesitzer überging, die an oder auf die Mauern gebaut hatten. Andere Teile blieben "herrenlos".

Die Folge waren viele Streitereien über die Reste der Stadtmauer. Noch in Zeiten der modernen Altstadtsanierung musste in einigen Fällen – wie am Kirchenpfad – geklärt werden, wer Eigentümer ist und für die Kosten aufzukommen hat.

Quelle: Starkenburger Echo, echo-online, hjb - 18.9.2008

Bildergalerie
Tag des offenen Denkmals

Bilder: Manfred Bräuer; Text: hjb

Nach den einführenden Informationen von Volker Scheller und Dr. Karl Härter setzte sich die große Besucherschar in Bewegung. Zunächst konnte sie im Hof von Rudolf Kohls Feuerwehrmuseum einen Blick auf die älteste noch erhaltene Stadtmauer und zugleich Mauer der Wehrkirche werfen.

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Dann ging es in den Hintergraben. Auch hier haben sich noch Reste der östlichen Stadtmauer und des Odenwälder Tores erhalten, die freilich kaum noch sichtbar sind. Der "Rote Hut" oder Diebsturm, einst ein nahezu 20 Meter hoher Stadtturm in der nordöstlichen Ecke, ist heute völlig verschwunden und auf seinem Fundament entstand das ehemalige Judenbad. Weiter ging es an die Siegfriedstraße, wo auch heute noch ein stattlicher Rest der "jüngsten" Stadtmauer sichtbar ist, die sich hier womöglich in die alte Mauer verzweigte, die zum Amtshof lief und dann nach Norden zur heute noch ablesbaren jüngere Mauer mit dem inzwischen verdolten Stadtbach erweitert wurde.

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Zurück in der Schunkengasse konnte dann hinter dieser das Untergeschoss mit gewölbtem Keller des Hauses Kirchengasse 8 besichtigt werden, einst Teil eines Turmes, der wohl auch zur Ummauerung der Kirche gehörte. Über den Durchgang zur Kirchengasse ging es zum Laudenbacher Tor und in den Hof des Hauses 3/5, dessen Besitzer den Teilnehmer einen Blick auf die gut erhaltene südliche jüngere Stadtmauer gewährte, die sich hinter den Gebäuden fast bis zum Landratsamt hinunterzieht.

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Auch der Garten des Landratsamtes war am Tag des offenen Denkmals zugänglich. Hier befand sich einst in der südwestlichen Ecke der Befestigung der "Biberhofturm", dessen Fundament aber überwuchert ist. Dichtes Efeugestrüpp verdeckte auch den Blick auf den am besten erhaltenen Teil der westlichen Stadtmauer mit ihrem Wehrgang und den Schießscharten. Vielfach wurde der Wunsch geäußert, dass der Kreis die Mauer vom Bewuchs befreit, sie wieder sichtbar macht und damit auch seinem Auftrag zum Schutz dieses wertvollen Denkmals nachkommt.

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Durch die Landrats-Pforte in der Stadtmauer ging es hinunter in den Stadtpark und durch das Schulgässchen hinauf zur Schlossschule. Anhand verborgener Mauerreste und Durchlässen in der umliegenden Bebauung konnte der Verlauf der Ummauerung dieser einstigen wehrhaften Anlage - der Lorscher Klostervogtei - deutlich gemacht werden. Durch das Vogteiliche bzw. "Faule" Viertel ging es zu den imposanten Resten eines alten Wohnturmes in der Liesengasse, der 12 auf 12 Meter misst und dessen etwa fünf Meter hohes Untergeschoss mit drei Meter dicken Fundamentmauern noch vollständig erhalten, aber überbaut ist. Leider war es nicht möglich hier einen Blick in den Keller zu werfen, in dem zwei alte geheimnisvolle Herrschaftszeichen von seinem Erbauer künden: Eventuell der Mainzer Kurfürst, der 1232 Heppenheim von Lorsch übernahm. Dafür konnten die Teilnehmer der Führung den Turmrest eines nur wenige Meter entfernten Flankenturms der westlichen Mauer bewundern: Michael Rhein öffnete die Pforte in der Bogengasse in seinen Hof, in dem der beträchtliche untere Teil des Turms steht, auf dem sich heute ein Wohnhaus befindet.

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Mehr Zeit erforderte dann die Erklärung des einst mächtigen Unteren (Bensheimer/Wormser) Tores an der Kreuzung Bogengasse/Marktgasse mit seinem davor gelegenen Vorwerk (heute der neue Kleine Markt), einem Torhaus (heute Haus Mai) und einer Stauanlage mit Wehr, die zur Umleitung des Stadtbaches auf den Graben diente. Von dieser Anlage ist nichts mehr erhalten, aber die Stadtmauer steht noch hinter dem schmalen Haus Bogengasse 2, einst direkt nördlich vom Torturm an der Mauer erbaut, und ein Rest zieht sich bis zum neuen Hotel an der Siegfriedstraße, teilweise nur noch in der Pflasterung sichtbar gemacht. Zu der Anlage gehörte auch der nicht weit entfernte Mönchsturm, der sich auf dem Gelände des "Altstadthotels" zwischen Stadtmauer und Stadtbach befand. Er diente als Schutz für das Wehr, das den Stadtbach staute. Wie Dr. Härter erklärte, bedeutet Mönch in diesem Fall Wehr und hat nichts mit den Mönchen des Klosters zu tun. Bedauerlicherweise wurde es versäumt, beim Neubau des Hotels den Baugrund archäologisch zu untersuchen. Somit sind viele Zeugnisse der Heppenheimer Stadtbefestigung für immer verloren. Am Amtshof fand die Führung ihren Abschluss. Seit der Faselstall einem Parkplatz gewichen ist, wurde der alte nördliche Mauerzug wieder sichtbar. Hier befanden sich mit dem Amtshof, dem Sickinger Hof und dem Boosenhof drei adlige wehrhafte Anlagen, die ebenfalls eine wichtige Funktion in dem Verteidigungssystem der Stadt einnahmen. Lang anhaltender Beifall dankte den beiden Stadtführern für ihre Bemühungen, ein Stück Heppenheimer Geschichte lebendig zu machen. Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Reste der Stadtbefestigung nicht nur erhalten, sondern auch wieder besser zur Geltung gebracht werden müssen. Informationstafeln mit Bebilderung wären eine Möglichkeit. Beide Vereine werden sich dafür einsetzen und auch heutige Anlieger der Stadtbefestigung bei Erhaltungsmaßnahmen unterstützen. Die Teilnehmer dokumentierten ihr Interesse an der Stadtbefestigung und der Führung mit Spenden. Ein von Kellermeister Weber ebenfalls großzügig gespendeter Abschiedstrunk in dessen neuer Straußwirtschaft im Gewölbekeller unmittelbar an der ehemaligen Stadtmauer beendete diese eindrucksvolle Führung zum Tag des offenen Denkmals, die alte und neue Einblicke in die Heppenheimer Stadtbefestigung gab.

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Zuletzt aktualisiert am 24.09.2008