Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

An den Orten mittelalterlicher Justiz
Geschichtsverein: "Galgenwanderung" zwischen Heppenheim und Bensheim - Bürger hatten ein eigenes Gefängnis

HEPPENHEIM. Einst mussten die Lorscher das Holz für den Heppenheimer Galgen liefern. Der Distrikt Galgenlache erinnert noch heute daran. Freilich kamen die Mitglieder des Kuratoriums Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch zu ihrem Besuch beim Heppenheimer Geschichtsverein ohne besagtes Galgenholz. Diese Verpflichtung ist längst Geschichte. Trotzdem gibt es auch heute noch vieles Interessantes aus den Tagen der alten Rechtsprechung zu erfahren.

Der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins Karl Härter konnte auf dem Heppenheimer Marktplatz eine stattliche Besucherschar begrüßen. Am und im Rathaus war damals ein wichtiger Ort der Rechtsprechung. Kleinere Vergehen wurden vom Stadtgericht geahndet. In den Hallen des Rathauses tagte das Centgericht, wenn das Wetter zu unfreundlich war um eine Sitzung unter den Linden am Landberg abzuhalten.

Am Rathaus haben sich noch die beiden Prangerkonsolen erhalten, auf denen einst kleinere Vergehen mit "Prangerstehen" geahndet wurden. Für die Bewohner Heppenheims immer eine Abwechslung, für die Betroffenen eine harte entehrende Strafe, kannte doch jeder jeden.

Einst stand die Gerichtsbarkeit über Heppenheim und die Mark Heppenheim dem Abt des Klosters Lorsch zu. Als dieser seine Herrschaftsrechte verlor, ging die Gerichtsbarkeit Anfang des 13. Jahrhunderts auf das genossenschaftliche Gericht auf dem Landberg über, das seinen Sitz in Heppenheim erhielt, weil die Stadt ein wichtiges Zentrum des Lorscher Kloster gewesen war und sich unter Kurmainz zur Amtsstadt entwickelte.

Nach Rathaus und Pranger wurde der Standort des "Roten Hutes" oder Diebsturm besichtigt, denn auch die Stadttürme waren ein wichtiger Ort der Strafjustiz in Heppenheim. In ihnen wurden die Gefangenen bei Wasser und Brot oft viele Wochen eingesperrt. Besonders berüchtigt war der "Rote Hut". Hier hausten die Gefangenen in einem tiefen Verlies und konnten es nur über eine Leiter verlassen.

Daneben fanden auch der Mönchsturm und der Turm am Laudenbacher Tor Verwendung. Ursprünglich diente der Bergfried auf der Starkenburg als Gefängnis. Aber in der Stadt war es für die Amtspersonen bequemer. Wurden zu viele Gefangenen gemacht, mussten die Heppenheimer Bürger für deren Unterkunft und Bewachung in ihren eigenen Wohnungen sorgen.

Solche Verfahren waren natürlich sehr teuer und die Cent Starkenburg - und damit die Bevölkerung - mussten für die Kosten aufkommen. Übrigens hatten die Heppenheimer Bürger ein eigenes, bequemeres Gefängnis im Torturm des Neuen Unteren Tores: den sogenannten "Bürgerturm", denn sie wollten nicht zusammen mit fremden Vagabunden und Dieben in einem Gefängnis sitzen.

Wer waren nun diese Gefangenen, die in Heppenheim einsaßen und abgeurteilt wurden? Härter nannte in diesem Zusammenhang die zahlreichen Diebesbanden die das Land unsicher machten.

Dann ging es zum Amtshof, dem Sitz der Mainzer Verwaltung, in dem die Verhöre der Gefangenen stattfanden. Der Scharfrichter aus Bensheim befragte so manchen "armen Sünder" im "Armesünderstübchen". Grundlage der mittelalterlichen Strafjustiz war das Geständnis der Tat. Das galt es zu bekommen. Drei Grade kannte die Folterjustiz - und jeder Handgriff des Scharfrichters wurde abgerechnet. Er war ein freier Unternehmer und recht wohlhabend.

Lagen Geständnisse und weitere Beweise vor, trat das Centgericht auf dem Landberg zusammen, der die nächste Station bildete. Unterwegs wurde am "Streitstein" Halt gemacht. Der Sandsteinbock mit der eingemeißelten Jahreszahl 1600 weist auf die Entscheidung des Pfälzer Kurfürsten aus dem Jahre 1590 hin. Zwischen Heppenheim und Bensheim war ein langer Rechtsstreit um die Überführung der Delinquenten zum Gerichtsplatz entstanden, der erst nach Jahrzehnten mit Hilfe des "Streitsteins" geschlichtet werden konnte.

Am ehemaligen Gerichtsplatz auf dem Landberg, abseits des Sportplatzes, auf dem einst die Centmannschaft "trainiert" wurde, erfuhren die Teilnehmer so manche Neuigkeiten über den Ablauf der Gerichtsverhandlungen des Centgerichtes und konnten sich an Ort und Stelle in den Ablauf einer Gerichtsversammlung hineinversetzen. Auf dem Landberg tagten unter dem Vorsitz des Centschultheißen die 14 Schöffen, jeweils sieben stellten der Heppenheimer und der Bensheimer Stadtrat. Im 16. Jahrhundert traf das Gericht noch selbst die Entscheidungen über Schuld und Strafe. Später gingen die umfangreiche Akten und Protokolle nach Mainz, wo die Juristen des Kurfürsten und manchmal auch der Erzbischof persönlich über Urteil und Strafen der fernen "Verbrecher" des Amtes Starkenburg befanden.

Nur kleinere Delikte - vor allem Beleidigungen wie "Schelm" oder "Strahlhure" - durfte das Centgericht noch selbst entscheiden und musste ansonsten die Strafurteile aus Mainz beim "Endlichen Rechtstag" auf dem Landberg verkünden und für die Vollstreckung sorgen. Dafür wurde die gesamte Organisation des Gerichts aufgeboten. Bis zu 200 Mann kamen da leicht zusammen und die Bevölkerung versammelte sich um zuzuschauen.

War ein Todesurteil zu vollstrecken, ging es hinaus zum Galgenplatz, der etwas nördlich der "Halbstundenbrücke" auf Heppenheimer und Bensheimer Gemarkung lag. Zwar ist der Hinrichtungsplatz heute fast verschwunden, denn an seiner Stelle findet sich eine aufgelassene Sandgrube. Ein 1751 gesetzter Grenzstein ist aber noch erhalten und die Lage des Platzes ist im Gelände noch deutlich zu erkennen.

Hier erhielten die Teilnehmer der Wanderung nochmals viele Informationen, wie in alter Zeit die Strafen mittels Schwert, Galgen oder Rad vollstreckt und wo die Leichen der Delinquenten vom Scharfrichter verscharrt wurden.

Starkenburger Echo, echo-online, hjb - 17.10.2008

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 2.11.2008