Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Großherzog fährt mit der Bahn zur Jagd
Geschichte: Von Hirschen und Menschen im Lorscher Wald - Michael Fettel referiert vor Heppenheimer Geschichtsverein

HEPPENHEIM. Von Hirschen und Menschen, Rotwildjagd im Lorscher Wald war das Thema eines Vortrages, den Rektor i.R. Michael Fettel kürzlich beim Heppenheimer Geschichtsverein hielt. Dessen Vorsitzender, Professor Karl Härter, begrüßte die Zuhörer, unter ihnen den Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Werner Groß, Lorsch. Härter wies auf die Bedeutung des Waldes für unsere Altvorderen hin und erwähnte die zahlreichen Verordnungen aus Mainz, die sich mit dem Schutz des Waldes beschäftigten, aber auch die Strafen für Wilderer, die in den Gerichtsbüchern verzeichnet sind.

Michael Fettel ging zunächst auf die historischen Hintergründe der Jagd im Lorscher Wald ein. Zwar durfte zunächst nur der Bischof von Worms im Reichsforst Forehahi jagen, jedoch verlor er dieses Recht bald wieder. Das Kloster Lorsch und dann die Mainzer Erzbischöfe übten es aus. Aber auch die Grafen von Katzenellenbogen, aus denen die hessischen Landgrafen hervorgingen, und der Kurfürst von der Pfalz sicherten sich Rechte in dem großen Waldgebiet des Rieds. Als das Gebiet an die Pfalz verpfändet wurde, baute der Pfalzgraf seine jagdlichen Anlagen im Lorscher Wald entsprechend aus. Das Jagdschloss Neuschloss wurde in den Jahren 1463 bis 1465 erbaut und war Schauplatz prächtiger Jagden auf Schwarz- und Rotwild. Nachdem Mainz 1623 die Bergsträßer Pfandschaft wieder eingelöst hatte, übernahm es auch die Jagdrechte wieder.

Dem Geschmack der Zeit entsprechend wurden zwei Tiergärten angelegt, in denen das Wild bei herrschaftlichen Jagden ohne große Mühen erlegt werden konnte. Die damaligen Jagdmethoden muten heute grausam an. Unter Musikbegleitung wurde das Wild abgeschossen. Auch die Parforcejagd, bei der ein Hirsch mit Hunden und Pferden zu Tode gehetzt wurde, kam damals in Mode. Auf die Felder der Bauern wurde keine Rücksicht genommen.

Aus der Zeit des Lorscher Tiergartens stammt wohl auch der Fund eines kostbaren Hirschfängers 1948. Fettel vermutet, dass er bei einer großen Jagd im Jahre 1702, bei der auch der spätere Kaiser Joseph I. teilnahm, verloren ging. Als 1803 das Oberamt Starkenburg an Hessen kam, übernahm der Darmstädter Großherzog die Jagdrechte im Lorscher Wald. Das erklärte Ziel war es, dem Großherzog und seinen Gästen jagdliches Vergnügen zu bereiten. Da es nun auch wichtig wurde, dass die erlegten Hirsche über ein stattliches Geweih verfügen mussten, wurden nordamerikanische Wapitihirsche eingekreuzt. Kein Wunder also, dass die Hirsche des Lorscher Waldes starke Trophäen besaßen.

Die Bau der Ludwigsbahn zwischen Bensheim und Worms erleichterte dem Großherzog die Jagd. Waren für ihn Hirsche ausgesucht worden, bestieg er seinen Zug, hielt an einer eigens für ihn eingerichteten Haltestelle und fuhr per Kutsche zur Jagd. Mit einem Hirsch war es da nicht getan. Der letzte hessische Großherzog, Ernst Ludwig II. erlegte zwischen 1892 und 1918 über 80 Hirsche mit mehr als zehn Enden. Geringere Hirsch durften auch Untergebene als große Auszeichnung erlegen. An den Orten des "Jagdglücks" wurden Bleitafeln angebracht, die an das Ereignis erinnerten. Eine einzige hat die Zeiten überdauert. Der Rest wurde als Altmetall eingeschmolzen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begann zuerst ein Niedergang des Rotwildes. So mancher Hirsch wanderte in die Kochtöpfe der Bevölkerung. Allerdings begann man wieder mit der systematischen Hege des Wildes und erneut tummelten sich starke Hirsche im Lorscher Wald. Fettel erwähnte hier insbesondere die Bemühungen des Freiherrn von Heyl, der auf dem Gut Rennhof in Hüttenfeld lebte. Zusammen mit den Forstbeamten gelang es, den Rotwildbestand zu erhöhen.

In der Zeit des Dritten Reiches erholten sich die Wildbestände weiter. Allerdings bedeutete der Bau der Autobahn eine Einschränkung des Lebensraumes. Auch die Anlage von Riedrode vernichtete viel Wald. Noch 1945 wurden im Lorscher Wald ein starker Hirsch erlegt.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann auch der Niedergang des Rotwildes. Die amerikanische Soldaten machten systematisch Jagd auf die Tiere und auch in heimische Kochtöpfe wanderte manches Stück. Das Ende kam mit der Veränderung der Landschaft. Der Grundwasserspiegel sank ab. Der zunehmende Verkehr und die wachsenden Siedlungen forderten ihre Opfer. So erlegte am 4. August 1959 Oberförster Heinrich Groß den letzten Hirsch des Lorscher Waldes. Zumindest offiziell. Tatsächlich überlebte ein Tier. Es fiel 1962 einem Wilderer zum Opfer. Mit Geld und guten Worten gelang es, das Geweih zu erwerben, das zu Spazierstockgriffen verarbeitet werden sollte. Heute ist es im Besitz von Michael Fettel, der eine umfangreiche Sammlung zur Jagdgeschichte des Lorscher Waldes zusammengetragen hat.

Michael Fettel zeigte in seinem Vortrag nicht nur die geschichtliche Seite der Jagd. Er erinnerte an den Freiherrn von Dörnberg, der von 1807 bis 1844 in Lorsch tätig war. Er gilt als einer der Begründer der modernen Forstwirtschaft. Der Begriff der Nachhaltigkeit, also der planvollen Bewirtschaftung des Waldes, geht auf ihn zurück. Lorsch wurde durch von Dörnberg zum Mittelpunkt einer forstlichen Entwicklung von Weltgeltung. Auf seinen zahleichen Dias präsentierte Michael Fettel Forstbeamte aus vergangenen Tage. Eindrucksvolle Persönlichkeiten allemal. Bilder aus dem Alltagsleben, von der Fütterung der Tiere waren zu sehen. Jäger auf ihren Dienstfahrrädern und im Jagdwagen. Natürlich auch die Bilder der starken Trophäen.

Aber auch Anekdoten gab es zu hören., so die Geschichte eines Försters, der jeden Hirsch in seinem Revier an der Stimmer erkannte. Wer weiß schon, dass die Pläne der Amerikaner, im Lorscher Wald in den 50-er Jahren einen Großflugplatz anzulegen, durch eine Jagd verhindert wurde, wie Werner Groß zu berichten wusste.

Auch heute noch ist der Lorscher Wald ein Lebensraum mit sehr hohem ökologischen Wert, der unbedingt erhaltenswert ist. Fettel erinnerte in diesem Zusammenhang an den geplanten Bau der Schnellbahn durch den Wald. Hier, so seine Meinung, muss sehr sorgfältig geplant werden, damit das Waldgebiet des alten Reichsforstes Forehahi nicht völlig vernichtet wird.

Die Anwesenden dankten Michael Fettel mit lang anhaltendem Beifall für seinen Vortrag. Daran schloss sich noch eine lebhafte Diskussion an.

Starkenburger Echo, echo-online, hjb - 15.11.2008

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Zuletzt aktualisiert am 16.11.2008