Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Der "Tatzelwurm" erweist sich als Segen
Ausstellung: Freigabe der Ortsumgehung Erbach vor 25 Jahren - Zeitreise durch ein wichtiges Stück Heimatgeschichte

ERBACH. Ein Malergerüst erschwert momentan noch den Zugang zum Multifunktionsraum in Erbachs Mehrzweckhalle. Manfred Bräuer ist indes guter Dinge, dass das Hindernis bis zum Donnerstag (24.) beseitigt sein wird. "Das ist uns von der Stadt fest zugesagt worden", hofft er darauf, dass die für diesen Tag zu erwartenden Besucher keine Verrenkungen machen müssen, um ans Ziel zu gelangen.

Eingeladen in den Multifunktionsraum ist so ziemlich alles, was im Ort, in der Stadt und darüber hinaus Rang und Namen hat. Auf die Gäste wartet eine Ausstellung, in der lückenlos die Entwicklung des Erbacher Tals im allgemeinen und der von mancherlei Turbulenzen begleitete Bau der Ortsumgehung im Besonderen nachgezeichnet wird.

Der Termin für die offizielle Eröffnung hätte nicht besser ausgewählt werden können. Am Donnerstag jährt sich zum 25. Mal der Tag, an dem die einst als "Tatzelwurm" gescholtene Trasse für den Verkehr freigegeben wurde. Im Kalender stand der 24. September 1984, als Bürgermeister Hans Kunz (CDU) und andere Repräsentanten symbolisch das rote Band durchschnitten.

Als sich das ECHO am Samstag vor Ort umschaute, waren Helfer mit dem Aufbau beschäftigt. Turm in der Schlacht dabei: Manfred Bräuer. Der 47 Jahre alte Heimatkundler weiß wie kein zweiter, welches Dokument zu welchem Bild und welcher Zeitungsausschnitt zu welchem Foto am besten passen. Trotzdem musste ein geschlagener Tag draufgehen, bis die immerhin 250 Exponate sinnvoll auf die zehn Stellwände gepinnt waren.

Heraus aus diesen Bemühungen ist eine Präsentation gekommen, in der ein wichtiges Stück Zeitgeschichte lebendig wird. Knapp gehaltene Begleittexte führen in die Materie ein und sorgen dafür, dass sich auch weniger bewanderte Betrachter zurechtfinden werden. Initiator und Kopf der Ausstellung ist Manfred Bräuer.

Der beim Amt für Bodenmanagement tätige Vermessungsingenieur ist Vorstandsmitglied im Heppenheimer Geschichtsverein und kann sich als gebürtiger Erbacher nur darüber wundern, dass in der Vergangenheit wichtige historische Ereignisse schlichtweg vergessen worden sind, so das hundertjährige Bestehen der Dorfschule und so auch die 800-Jahrfeier, die der Ort eigentlich 2000 hätte feiern können.

Inzwischen machen es die Erbacher besser, laden regelmäßig ein zu Vortragsveranstaltungen mit geschichtlichen Themen. Die Resonanz darauf ist hervorragend und lässt Bräuer hoffen, dass sich das Interesse bei der Ausstellung fortsetzt. Wobei er nicht nur mit den Erbachern, sondern insgeheim auch mit Besuchern aus der Kreisstadt rechnet. Ein großer Teil des Tals lag schließlich schon vor der Gemeindereform 1972 auf Heppenheimer Gemarkung, darunter fünf Mühlen, die einst aus dem Wasser des Erbach gespeist wurden.

Auch wenn sich dort schon längst kein Mühlrad mehr dreht, hat wenigstens die Lohsche Mühle als Gebäude die Zeit überstanden. Alle anderen Mahlbetriebe fielen der Spitzhacke zum Opfer, die Kohl-Wegmann- und die Lindheimersmühle ebenso wie die Mange- und die Vocke-Mühle.

Erinnert wird in der Ausstellung freilich an noch weitere Veränderungen und an die Beweggründe, die ihnen zugrunde lagen.

So klären Bilder, amtliche Dokumente und Presseartikel anschaulich darüber auf, dass städtische Planungen fürs Erbacher Tal bereits 1959 existierten. Erste Gedanken an eine Umgehung datieren aufs Jahr 1962. Die Zielrichtung des damaligen Bürgermeisters Wilhelm Metzendorf war klar: Heppenheims Mittelpunktfunktion, so sein Credo, werde nur dann Bestand haben können, wenn der Anschluss an den Odenwald optimiert wird.

Der gleichen Überlegung verdankt die nach Hüttenfeld führende Landstraße ihr Entstehen, die seit 1972 den Westteil des Kreises enger mit Heppenheim verbindet. Nicht nur nebenbei: Bei der emotionsgeladenen Standortdiskussion für den Bau des Kreiskrankenhauses sollte die L 3398 später eine wichtige, vielleicht sogar die entscheidende, Rolle spielen.

Mangelnde Weitsicht kann den Stadtvätern von damals nicht nachgesagt werden. Ältere Leser wissen noch, dass das Erbacher Tal früher nur bis zur Kolpingstraße, Höhe Friedhof, befahrbar war. Der Beschluss zur Straßenfortführung bis hin zur B 3 war wegweisend für Heppenheims Gesamtentwicklung.

1964 konnte Vollzug gemeldet werden. Wo dereinst Kraut und Rüben angebaut wurden und nur ein Fußpfad vorhanden war, sind heute täglich Tausende von Autos unterwegs.

Weitere Maßnahmen folgten, so die Beseitigung von Engstellen in Höhe des ehemaligen Gasthofs Guthier und vor allem nach dem bereits 1971 eingeleiteten Planfeststellungsverfahren im September 1984 die Erbacher Ortsumgehung, für die mehrere Vorschläge diskutiert wurden. Auf der Strecke blieb letztlich die über den Vordersberg führende Nord-Variante, für die ein größerer Brückenbau erforderlich gewesen wäre. Und im Papierkorb landeten auch Pläne für eine Neugestaltung der Ortsdurchfahrt, für die man allen Ernstes eine Einbahnstraßenregelung in Form einer "Insellösung" in Erwägung gezogen hatte. Man stelle sich vor: In der Mitte auf einem schmalen Streifen (Insel) Häuser mit jeweils rechts und links vorbeilaufenden Fahrbahnen.

Im Nachhinein hat sich der "Tatzelwurm" bewährt. Die rund 2,5 Kilometer lange Umgehung sei, wie Bräuer erläutert, ein Segen für Erbach und seine Bevölkerung: "Es wäre unvorstellbar, das heutige Verkehrsaufkommen durch die enge Ortsstraße zu leiten." Darüber, dass die in die Natur geschlagenen Wunden weitgehend verheilt sind, freut sich nicht nur der Ausstellungsleiter.

Starkenburger Echo, echo-online, fk - 23.9.2009

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 25.9.2009