Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Erbachs große Weinbautradition
Grenzgang: Manfred Bräuer führt zu den Anbauflächen des Stadtteils - Erste Nachweise schon im Codex Laureshamensis

Steht auf dem Etikett "Heppenheimer Maiberg", dann heißt das nicht unbedingt, dass die Trauben für den Flascheninhalt genau dort gelesen worden sind. Ein nicht unbeträchtlicher Teil aus der Einzellage wird schließlich auf den Böden der Erbacher Gemarkung bewirtschaftet. Lokalpatrioten mögen zwar bedauern, dass sich in den Verkaufsregalen kein "Erbacher Hasenklingelchen" oder "Erbacher Vordersberg" findet; zu ändern ist das aber nicht.

Die Zeiten, in denen Weine noch mit den Namen der Gewanne bezeichnet werden duften, sind schon seit 1950 passť. Erbachs Ruf als Weinbaugemeinde mit großer Tradition hat - zumindest bei Insidern - darunter allerdings nicht gelitten.

Beim Grenzgang, zu dem Ortsvorsteher Markus Bauer (CDU) am Samstag trotz brütender Hitze und sengender Sonne immerhin 25 am Thema interessierte Mitbürger begrüßen konnte, drehte Heimatforscher Manfred Bräuer das Rad der Zeit bis in die Jahre um 1200 zurück, in denen sich Erbachs Verbindungen zum Weinbau sogar urkundlich nachweisen lassen. Der Codex Laureshamensis des Klosters Lorsch liefert dafür untrügliche Indizien. Bräuer zitierte aus Urkunden, in denen unter anderem von Weinbergen "in Erpbach" sowie vom "Vederichsberg" (wahrscheinlich Vordersberg) die Rede ist. Die Dokumente belegen: Der Weinbau in Erbach ist mindestens so alt wie die Gemeinde selbst.

Dass in Heppenheims Stadtteil ein guter Tropfen wächst, konnten die "Grenzgänger" aus drei von der stellvertretenden OB-Vorsitzenden Ulla Hammann (CDU) kredenzten Proben herausschmecken. Krönung dabei war ein in Erbach gelesener Eiswein vom Jahrgang 2003. Die Rarität löschte einerseits den tatsächlichen Durst, um andererseits dem Wissensdurst in des Wortes wahrstem Sinne Beine zu machen. Manfred Bräuer hatte sich dafür bestens präpariert und gewährte auf dem Weg zwischen Mehrzweckhalle, Annaruhe und Wilhelmshöhe einen umfassenden Einblick in historische Zusammenhänge, schlug anschaulich einen Bogen vom Einst ins Jetzt.

Natürlich haben sich im Laufe der Jahrhunderte Strukturen verändert; heißt: ehemalige Wingerte sind verschwunden, neue kamen hinzu; dies übrigens verstärkt ab 1960, nachdem Vinzenz Antes und Georg Heß für Erbach einen Rebenaufbauplan erstellt hatten. Aktuell werden, wie Manfred Bräuer ausführte, in der Erbacher Gemarkung von acht Winzerfamilien 10,3 Hektar Anbaufläche bewirtschaftet. Mit 45 Prozent nimmt der Riesling dabei den größten Anteil ein, gefolgt vom Kerner (2,6 ha) und vom Müller-Thurgau (1,9 ha). Dornfelder, Ehrenfelser, Regent und Dunkelfelder ergänzen die Palette der auf Erbacher Böden gedeihenden Weine.

Von einer solchen Sortenvielfalt hätten die Begründer der Erbacher Weinbautradition nicht einmal zu träumen gewagt. Und auch nicht davon, dass Jahrhunderte später zwei junge Frauen aus ihrer Gemeinde als Weinhoheiten in Amt und Würden erhoben würden: 1957/58 war es Margareta Rothermel (Prinzessin), 1995 dann Roswitha Rothermel (Königin). Zur Erinnerung: Die Berufung von Repräsentantinnen ist an der Hessischen Bergstraße erst 1953 eingeführt worden und hat seitdem wesentlich dazu beigetragen, das Interesse am Weingenuss zu steigern. Weinköniginnen sind immer auch Werbeträgerinnen.

Mit Marketing hatten die Pioniere des Erbacher Weinbaues freilich nichts am Hut, so auch die Witwe Margaretha Öberlin, die 1517 vom Kloster Lorsch zum Preis von sechs Gulden einen Morgen Wingert gepachtet hatte. Manfred Bräuer war auf seiner Spurensuche noch auf weitere interessante Dokumente gestoßen. Besonders aufschlussreich für ihn dabei eine 1655 angelegte Liste über die "Renovation und Erneuerung der sechs Dorfschaften", in der neben Huben, Äckern, Wiesen und Hecken auch Angaben über Weingärten und deren Lagen gemacht werden. Eine Erkenntnis daraus: Örtliche Winzerfamilien waren über Erbachs Gemarkung hinaus zugange, bauten Weine auch in den Heppenheimer Lagen "Mayenberg", Eckweg, Sülz, Bombach, Unkental und Ofenberg an.

Die 25 Teilnehmer am Grenzgang kamen bei 35 Grad gehörig ins Schwitzen, wussten daher umso mehr zu würdigen, mit welchen körperlichen Anstrengungen der von Steillagen dominierte Weinbau in Erbach verbunden ist. Wingerte finden sich im Rotzen-, Vogels- und Vordersberg, außerdem im Hasenklingelchen sowie - allerdings nur in begrenztem Umfang - im Faltersacker.

Ein Gewinn fürs Landschaftsbild sind die Anbauflächen allemal. Dennoch ist auch der Weinbau in Erbach nicht frei von Sorgen. Manfred Bräuer nannte einige Knackpunkte, so als Hauptmanko die mangelhafte Wegeerschließung. Eine Flurneuordnung hält er insbesondere am Vorderberg für unerlässlich. Der Grenzgang schloss so, wie er begonnen hatte, und zwar mit einem Pröbchen, das sich die Marschierer zum Abschluss auf der Wilhelmshöhe genehmigten.

Gelegenheit dazu, das Glas zu erheben, bestand danach noch mehrmals: nach dem 4:0-Sieg über Argentinien, das die "Grenzgänger" gemeinsam am Fernsehgerät verfolgten, und beim sich anschließenden Dorffest gegenüber der Alten Schule. Über ein spezielles Prosit durfte sich nicht zuletzt Manfred Bräuer als kundiger Exkursionsleiter freuen. Erbacher Weine passen zu allen Anlässen.

Starkenburger Echo, echo-online, fk - 7.7.2010

Teilnehmer am Grenzgang Erbach

Die Heimat erwandert: die Teilnehmer des Grenzgangs in Heppenheims Stadtteil Erbach mit Ortsvorsteher Markus Bauer (Zweiter von rechts) und Heimatforscher Manfred Bräuer (ganz rechts)

Starkenburger Echo, echo-online, 7.7.2010 - Foto: Lutz Igiel

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 29.8.2010