Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Bahnhof verändert Gesicht der Stadt
Exkursion zu historischen Stätten Heppenheims

Der Bahnhof, der Posthof, der Halbe Mond. Zu ihrer Zeit Heppenheimer Institutionen, die Spiegelbild von Reisen, Handel und Verkehr waren. Zum Tag des offenen Denkmals am vergangenen Sonntag (12.) hatten Altstadtfreunde, Geschichtsverein und städtisches Museum zu einem Rundgang entlang der historischen Orte eingeladen. Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Professor Karl Härter, konnte mit einem Paradox aufwarten: »Wir in Heppenheim können Ihnen kein offenes Denkmal bieten, denn es war nicht möglich, zum Beispiel den Bahnhof zu betreten, es sei denn sie wollten durch Glaswolle und Schutt laufen«, betonte Karl Härter.

Durch die Sanierung ist das Bahnhofsgebäude derzeit nicht zu betreten. Aber bereits der Versuch, dies möglich zu machen, war ein Abenteuer für sich. »Die Nachfrage bei der Stadt ergab, dass der Bahnhof der Bahn gehört, die sagte, sie habe mit dem Gebäude nichts mehr zu tun. Letztlich fanden wir heraus, dass er einer Gesellschaft in London gehört«, sagte Härter. Entschädigt wurden die Teilnehmer durch Fotografien, die vor dem Bahnhofsgebäude aufgehängt waren und den Wandel des Gebäudes und seiner Umgebung zeigten. Als eines der herausragendsten Gebäude an der 1845/46 errichteten Main-Neckar-Bahn habe der Heppenheimer Bahnhof gegolten, erklärte Härter. »Er war der zweitteuerste an der Strecke, vom Darmstädter Bahnhof abgesehen«, sagte Härter.

Das habe an den zahlreichen Nebengebäuden und der Wasserstation gelegen, die in Heppenheim gebaut wurden. Architekt war wahrscheinlich Georg Moller (1784-1852). Mit dem Bahnhof veränderte sich das Gesicht der Stadt. Um den Bahnhof entstanden Gasthäuser wie das vis-à-vis gelegene Restaurant »Wurth« oder das Gasthaus »Main-Neckar-Bahn«. In diesem Zusammenhang war auch die Bahnhofstraße entstanden.

Die Führung nahm den alten Weg vom Bahnhof in die Stadt, am Stadtbach entlang, und gelangte zum Hotel Halber Mond. »Das ist keine seltene, sondern eher eine gebräuchliche Bezeichnung«, erklärte Härter. Dennoch war der Heppenheimer Halbe Mond in der Region etwas besonderes. Entstanden in der Nähe zur Heppenheimer Poststation Anfang des 17. Jahrhunderts, entwickelte sich der Halbe Mond zum »ersten Haus am Platz«. In zeitgenössischen Reiseführern und Reiseliteratur wurde er gelobt als »Mond, von dem gar manche Sonnen verdunkelt werden«. Gemeint war damit auch das Gasthaus »Sonne«, eine der weiteren renommierten Heppenheimer Adressen.

Durch seine exponierte Lage, den weitläufigen Garten, die Bauweise einschließlich zahlreicher Erweiterungen im Laufe der Jahre machten viele Geschäftsreisende dort Station. Es brachte dem Haus, das im Laufe der Jahrhunderte häufig den Besitzer wechselte, Renommee im Großherzogtum Hessen und darüber hinaus. So gelangte auch die Heppenheimer Versammlung 1847 in das Haus.

Mit der Einweihung des Heppenheimer Bahnhofs 1846 begann der Stern des Hotels zunächst zu sinken. Die Verkehrsachse, die zuvor entlang des Posthofes direkt am Halben Mond vorbei geführt hatte, wurde nun zusehends auf die Schiene verlagert. Der Wirt reagierte und gestaltete das Hotel mit dem aufblühenden Individualverkehr zum Parkhotel um.

1940 wurde der Geschäftsbetrieb eingestellt, nach 1945 wiederbelebt, bis das Haus 1971 in den Besitz der Stadt überging. Viele charakteristische Gebäude wie der Musikpavillon im Garten und besonders Wirtschaftsgebäude mussten weichen, um Platz für die Erweiterung der B3 zu schaffen. »Das, was ihn als Anlage ausmachte, ist verschwunden, so dass ihm der Verkehr, der ihn groß gemacht hatte, letztlich nach und nach alles abgenagt hat«, sagte Härter.

Während Halber Mond und Bahnhof, wenngleich zur Zeit in Sanierung, das Stadtbild noch immer prägen, ist vom Posthof nichts mehr geblieben. Um 1600 war er als Bestandteil der Thurn und Taxis'schen Post entstanden. Das imposante Gebäude, das nur noch als Modell vorhanden ist, konnten die Teilnehmer des Rundgangs im Wappensaal des Kurmainzer Amtshofes bestaunen. »Es ist erstaunlich, wie man solch ein Gebäude am Ende in einen Haufen Schutt verwandeln kann«, sagte Volker Scheller von den Altstadtfreunden. 1967 wurde die alte Posthalterei für die Verbreiterung der B 3 abgerissen. Nur in der Erinnerung vieler Heppenheimer lebt das mächtige Gebäude weiter, das über Jahrhunderte das Stadtbild prägte. Heppenheim im Spiegel der Reiseliteratur, das ist ein Auf und Ab von Lobpreisungen und Kritik. Während das malerische und romantische Stadtbild bei vielen Besuchern des 19. Jahrhunderts Anklang fand, berichten einige wenig rühmliches. Von Bedeutungslosigkeit, schäbigen Bürgersteigen, fehlender Beleuchtung und sauren Trauben ist dort die Rede.

Goethe, der preußische Diplomat Christian Wilhelm von Dohm, Karl Marx, die Stadt sah einige berühmte Gäste. Genauso zog es auch Kriminelle nach Heppenheim, die zum Teil unter falschem Namen im Halben Mond logierten. Philipp Rückert war einer von ihnen, der als »Graf Thun« 1851 das erbeutete Geld in Wein und Zuwendungen für die Musik »anlegte«.

Derlei Anekdoten lassen sich hundertfach finden. Karl Härter zitierte beim Rundgang durch Heppenheim nur einige von ihnen. Härter kam zum Schluss, dass Heppenheim »ein heißes Pflaster« gewesen sei, das auch in der Revolution 1848/49 Turbulentes erlebt habe. Einige der geschichtsträchtigen Verwicklungen präsentierten Museum, Geschichtsverein und Altstadtfreunde zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag.

Starkenburger Echo, echo-online, lev - 14.09.2010

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 28.9.2010