Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Griff ins volle Menschenleben
Ausstellung: Faszinierende »Bilder eines Erbacher Photographen«
Viel Lob für Manfred Bräuer und Stefanie Wagner

Er war ein rechtschaffener Bauersmann, betrieb Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und widmete seine Freizeit vor allem der Fotografie. Anders als sein prominenter Namensvetter aus Bayreuth wohnte Richard Wagner nicht auf einem von Villen umgebenen Hügel, sondern sehr viel einfacher »uffeme Buckel«, wie es Manfred Bräuer bei der Vernissage zur Ausstellung »Bilder eines Erbacher Photographen« mundartfest formulierte. Zahlreiche Besucher nahmen am Wochenende die Gelegenheit wahr, sich im Multifunktionsraum der Mehrzweckhalle einen Eindruck vom dörflichen Leben vergangener Zeiten zu verschaffen.

Bei aller Unterschiedlichkeit in ihren Biografien, teilte der Erbacher Wagner, der in diesem Jahr 100. Geburtstag hätte feiern können, dennoch eine große Leidenschaft mit dem Festspielgründer: Beide widmeten sich der Musik - der große Richard als Komponist weltweit bekannter Werke, sein Pendant aus dem Stadtteil bescheidener als Zitherspieler. Dass das Instrument am Freitag wieder zu Ehren kam, lag an Enkelin Stefanie Wagner, die im Duett mit Leo Engel die Eröffnungsfeier musikalisch begleitete. Das passte auch deshalb, weil die Volksweisen akustisch zurückführten in die späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, in denen sich Richard Wagner auf die fotografische Pirsch machte. Seine der Nachwelt überlieferten Bilder wurden noch auf Glasplatten gebannt.

Karl-Heinz Käfer, ein in Kaufbeuren wohnender Großneffe, reproduzierte die Aufnahmen auf Papier. Herausgekommen sind gestochen scharfe Fotografien, die selbst im Zeitalter hochentwickelter Digitalkameras allerhöchsten Respekt abnötigen. Genau wie die Bildqualität vermag das von Wagner an den Tag gelegte Gespür bei der Motivwahl zu überzeugen. Die Gäste der Vernissage waren hellauf begeistert, schlossen sich einmütig der Einschätzung von Bürgermeister Gerhard Herbert (SPD) an, der in seinem Grußwort von einer ebenso »beeindruckenden wie tollen Sache« sprach.

Neben dem Rathauschef hatten sich auch Stadtverordnetenvorsteher Philipp-Otto Vock (CDU), Herberts Gegenkandidat Rainer Burelbach (CDU) und der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Karl Härter, unter die gut 50 Gäste gemischt. Gerlinde Bannert, die Vorsitzende des Heimat- und Verschönerungsvereins, wünschte beim Betrachten der 270 Fotos viel Spaß. Ergänzt wurden die Bilder mit in die Epoche passenden Dokumenten, so mit einer Satzung des ehemaligen Kohlevereins.

Auf nicht weniger Interesse stieß eine Auswahl mehrerer Haushalts- und Ackergeräte, darunter Milchkannen von anno dazumal, ein Butterfass und jenes »Häwwelche«, das einst unter jedem Bett stand, weil des Nachts der Weg über den Hof ins Bretterhäuschen mit dem Herzen in der Tür doch zu beschwerlich war. Man hätte sich ja »verpassen« können. Besondere Anerkennung zollte die Vorsitzende Manfred Bräuer, der in Kooperation mit Stefanie Wagner die Bilder zusammengetragen, ausgewertet und nach umfangreichen Recherchen mit Unterschriften versehen hatte. Bräuer hat sich im Dörfchen inzwischen den Ruf eines »wandelnden Geschichtslexikons« erworben.

Das ehrt ihn zwar, ist aber mit immenser Klein- und Fleißarbeit verbunden. Ortsvorsteher Markus Bauer (CDU) nannte den Grund. Komme in größerer Runde die Forderung »Mer misse woas mache« auf, dann bedeute dies in der Praxis, »dass der Manfred des macht«. Punkt.

Dass der so in die Pflicht genommene Heimatforscher kein Freund halber Sachen ist, belegte auch die Ausstellung. Bräuer traf eine Bilderwahl, die anschaulich das Erbacher Leben vor gut 80 Jahren vor Augen führte. Er hatte damit, wie es bei Goethe so schön heißt, »hineingegriffen ins volle Menschenleben«. Menschen waren es denn auch, die im Vordergrund der Repräsentation standen. Was besonders jene Leute freute, die alte Gesichter wiedererkannten, so etwa Erbacher Grazien im modischen Chic ihrer Zeit, Rekruten kurz vor ihrer Einberufung, Hochzeits-, Kommunion- und andere Festgesellschaften, Landwirte bei der Getreideernte, Weinbauern im Wingert, Kerweburschen, Trachtenträger, Jugendliche hoch zu Ross sowie auf einer »Triumph« sitzende Kradfahrer. Knappe Begleittexte wiesen noch heute gängige Erbacher Familiennamen aus, so die Helmlings, Umhauers, Lulays, Dreißigackers, Antese, Bräuers und natürlich die Wagners, die in großer Zahl auch von außerhalb gekommen waren.

Mit der Ausstellung setzte der Heimat- und Verschönerungsverein seine Bemühungen zur Brauchtumspflege fort. Eine weitere Bilderschau zur Schulgeschichte und die Herausgabe einer Dorfchronik sollen folgen. Dann heißt es wieder: »De Manfred macht's.«

Starkenburger Echo, echo-online, fk - 2.11.2010

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Zuletzt aktualisiert am 10.12.2010