Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Einblick in das alte Heppenheim
Historie: Geschichtsverein beschäftigt sich mit Paula Bubers Schlüsselroman »Muckensturm«

»Muckensturm ist ein Schlüsselroman, aber kein Schlüssellochroman.« Das war das Ergebnis einer interessanten und lebhaften Diskussion des Stammtisches »Heppenheimer Geschichte(n)« zu dem der Heppenheimer Geschichtsverein eingeladen hatte. Trotz widrigen Wetters konnte der Vorsitzende Karl Härter zahlreiche Besucher begrüßen.

Paula Buber, die mit ihrem Mann Martin Buber lange Jahre in Heppenheim gelebt hatte, bis sie vom nationalsozialistischen Ungeist vertrieben wurde, schrieb den Roman Muckensturm in den Jahren 1938 bis 1940 in ihrer neuen Heimat Israel. Nach einigen Problemen, einen Verlag in Deutschland zu finden, erschien das Buch 1953 in einem Heidelberger Verlag, der auch der »Hausverlag« Martin Bubers war. Dass die Buchdruckerei Otto zahlreiche Bücher eben dieses Verlages druckte, sei nur am Rande vermerkt.

Den Roman »Muckensturm« veröffentlichte Paula Buber unter dem Pseudonym Georg Munk mit dem Untertitel »Ein Jahr im Leben einer kleinen Stadt«. Sehr schnell sprach es sich herum, dass damit Heppenheim gemeint war. Martin Metzendorf, der kurz beim Stammtisch vorbeischaute, konnte hierzu mit einigen interessanten Einzelheiten aufwarten. Er berichtete von einem Gespräch mit Frau Buber-Agassi und »alten« Heppenheimern, bei dem auch der »Muckensturm« behandelt wurde. Ebenso erwähnte er ein ausführliches Manuskript seines Vaters, des Altbürgermeisters Wilhelm Metzendorf, das sich mit dem Buch auseinander setzt, aber keinen Eingang in die Darstellung »Geschichte und Geschicke der Heppenheimer Juden« fand.

Seit dem Erscheinen des Romans haben die »Kernbürger« zu ergründen versucht, wer sich hinter den genannten Personen verbergen könnte. In der Leihbücherei der Buchhandlung Otto befand sich ein Exemplar, in das ein Leser auf dem Seitenrand zahlreiche Namen »übersetzt« hatte. Drei Namenslisten machten auch am Stammtisch die Runde. Allerdings hat Paula Buber letztlich einen fiktiven Roman geschrieben. Insofern kann nicht direkt auf damalige Heppenheimer geschlossen werden, auch wenn es durchaus viele Ähnlichkeiten gibt.

Was mit großer Genauigkeit aufgenommen wurde, sind die Ereignisse, die sich in Heppenheim im Jahre 1933 abspielten. Viele im Buch geschilderte Übergriffe auf Heppenheimer Juden und Regimegegner sind historisch belegbar und zeichnen, so die Meinung der Teilnehmer, ein authentisches Bild.

Schmeichelhaft ist Paula Buber mit den Heppenheimern nicht gerade umgegangen. Die »Muckensturmer« kommen generell schlecht weg und werden als die »nicht eben besten und tüchtigsten« eines »Gemischs aller Völkerstämme und Menschenarten« dargestellt (S. 76). Aus heutiger Sicht gibt es daher auch kritische Punkte anzumerken: Das Frauenbild wirkt manchmal befremdlich und sogar jüdische Mitbürger werden gelegentlich negativ dargestellt.

Bei der Diskussion wurde daher die Frage aufgeworfen, warum gerade der weibliche Teil der Heppenheimer Bevölkerung so schlecht abschneidet. Vermutungen gab es zahlreiche, so auch die, dass die geborene Bayerin und Jüdin Paula Buber in der »geschlossenen Gesellschaft« der damaligen Kernbürgerinnen wohl keinen Anschluss fand und ausgegrenzt wurde. Auch die Etablierung der Nazi-Diktatur wird eindringlich geschildert, die vernichtende Konsequenz des Nationalsozialismus aber teilweise unterschätzt. In diesem Sinn war Paula Buber ein Kind ihrer Zeit, denn viele Jüdinnen und Juden konnten nicht glauben, dass die Machtergreifung im Jahr 1933 zu ihrer Vertreibung und Vernichtung führen würde. Es darf folglich nicht vergessen werden: Der Roman und die in ihm enthaltenen Darstellungen sind ein Produkt der Zeit, in der er entstanden ist, und Paula Buber hat ihre negativen Erfahrungen aus der ersten Zeit des nationalsozialistischen Regimes ungeschminkt einfließen lassen.

Einig war man sich freilich, dass das Buch trotzdem einen guten Einblick in die damalige Heppenheimer Gesellschaft gibt, denn Paula Buber war eine gute Beobachterin und kannte sich in Heppenheim aus. Abschließend kamen die Teilnehmer des Stammtisches »Heppenheimer Geschichte(n)« daher zu dem Schluss, dass das Buch Muckenstum sehr großen Wert für die Geschichte der Kreisstadt besitzt. Seine Schilderungen des sozialen Lebens und der Strukturen der damaligen Kleinstadt sind genau und geben ein anschauliches Bild vom »Heppenheimer Zeitgeist« dieser Jahre. Man kann das soziale Gefüge der Stadt in der Zeit vor und während der nationalsozialistischen Machtergreifung gut erkennen.

Aber der »Muckensturm« bleibt dennoch ein Roman mit all den Freiheiten, die sich eine Autorin erlauben darf. Daher gibt es letztlich zwei Ebenen im »Muckensturm«: Eine für den »normalen« Romanleser und eine andere, die sich nur demjenigen erschließt, der sich genauer mit Heppenheimer Geschichte und Geschichten auskennt.

Starkenburger Echo, echo-online, hjb - 14.12.2010

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 15.12.2010