Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Grenzgänge als wichtige Ereignisse
Manfred Bräuer referiert bei der Mitgliederversammlung über Markierungen und Strafen

Als "erfahrenen Grenzgänger" bezeichnete der Vorsitzende des Heppenheimer Geschichtsvereins, Karl Härter, den Referenten Manfred Bräuer, der den traditionellen Vortrag zur Eröffnung der Mitgliederversammlung des Vereins zum Thema "Von Grenzen, Grenz(um)gängen und Grenzfrevlern" hielt.

Dabei erfuhren die Zuhörer, dass der Begriff "Grenze" aus dem Altpolnischen abgeleitet wurde. Hierzulande wurden statt dessen "Mark" und "Rain" verwendet, Begriffe, die mittlerweile eine andere Bedeutung bekommen haben.

Bräuer ging zunächst auf die Bedeutung von Grenzen im privaten und öffentlichen Bereich ein. Er zeigte, dass bereits die alten Ägypter ihre Grenzen zu Nachbarreichen mit Stelen kennzeichneten, auf denen sie, um den Handel zu regulieren, den Personenkreis nannten, der passieren durfte. Auch die Babylonier kannten Steine zur Grenzmarkierung und zur Besitzsicherung.

Bei den Germanen galt Grund und Boden schließlich als Gemeineigentum. Die Abgrenzung zu anderen Siedlungen (Markgenossenschaften) erfolgte wohl in der Regel durch einvernehmliche Festlegung von natürlichen Grenzen. Dies waren Landmarken, Bergrücken und Geländeeinschnitte, auffällige, meist allein stehende Bäume, aber auch Felsen, Waldränder, Hecken, Sümpfe, Quellen, Bach- und Flussläufe. Auch "künstliche", von Menschenhand "in Vorzeiten" errichtete Objekte, Menhire, Grabhügel und alte Gebäude dienten als Grenzpunkte.

Weiterhin wurden eher unscheinbare Bäume, die man als Grenzmarkierungen festgelegt hatte, zur gegenseitigen Absicherung mit besonderen Zeichen, versehen. Diese Bäume nannte man auch Mal-, Loch- oder Kreuzbäume. Wo geologisch möglich, wurden in Felsen entsprechende Grenzsymbole eingehauen. Innerhalb geschlossener Orte waren die Grenzen linienförmig festgelegt. Einmal einvernehmlich errichtet, mussten diese Bauwerke auf Dauer von den Grenznachbarn anerkannt werden. In der Feldlage waren punktförmige Bestimmungen in Form von Grenzmarken (wie Grenzsteine und Grenzbäume) üblich. Mangels vermessungstechnischer Festlegung hatte die Erhaltung der Grenzmarken hohen Rang und ihre Veränderung war mit dementsprechend hohen Strafen belegt.

In der Beschreibung der Grenze des Heppenheimer Kirchspiels etwa werden zahlreiche Orte angegeben, darunter auch unverrückbare Grenzpunkte. Am Beispiel der Gemeinde Kolmbach, die früher im pfälzischen Gebiet lag und zu Fürth gehörte, konnte Manfred Bräuer eine komplette Beschreibung der Ortsgrenzen aufzeigen.

Das Setzen von Grenzsteinen war ein hoheitlicher Akt. An ihm waren neben den offiziell bestellten Grenzsteinsetzern auch die Nachbarn und Anlieger beteiligt. So wichtig war dieser Vorgang, dass die Mainzer Landesordnung in ihrem ersten Kapitel festlegte, wie die Steine zu setzen waren. Dennoch gab es häufig Streit, ob die Steine am richtigen Platz standen. Eine Beschreibung der Waldgrenze zwischen Groß Hausen (heute Einhausen) und Biblis um 1715, die Bräuer im Darmstädter Staatsarchiv fand, listet penibel die Grenzmarkierungen auf, darunter auch Lochbäume, große und kleine Steine sowie Gräben und Zäune. Überhaupt war es sehr wichtig, den Grenzverlauf genau zu kennen, damit die häufigen Streitigkeiten geschlichtet werden konnten. Ein Mittel dafür waren die regelmäßigen Grenzgänge. Dabei schauten die Ortsoberen, aber auch einfache Leute nach, ob die Grenzmarkierungen noch an Ort und Stelle waren. Jugendliche waren auch immer dabei, sie mussten sich genau einprägen, wo die Grenzpunkte waren. Bestimmte Handlungen sollten ihnen dabei helfen. Ein Grenzumgangsprotokoll aus Bensheim aus dem Jahr 1603, das Bräuer vorstellte, listet alle Teilnehmer auf, die daran teilnahmen: Rat, Bürger und Bürgersöhne.

Für das Verrücken oder Entfernen von Grenzsteinen drohten harte Strafen. Verständlich, mussten doch die Menschen von den Erträgen ihrer Felder leben. Im Alten Testament ist im fünften Buch Mose 27, 17 zu lesen: "Verflucht, wer den Grenzstein seines Nachbarn verrückt." Der Sachsenspiegel, eine Sammlung alter Rechtsbräuche aus dem 13. Jahrhundert, stellte das Abhauen von "Malbäumen", die die Grenze anzeigten, oder das Verrücken von Grenzsteinen unter Strafe. Das Weistum (Gesetzessammlung) der Zent auf dem Landberg bei Heppenheim von 1430 schrieb für Grenzfrevler die gleiche Strafe wie für Meineidige vor.

Strafen an Leib und Leben drohten verschiedene Rechtssammlungen , darunter die peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V., an. Diese Strafen wurden vermutlich nie angewendet, weil die Scheu vor den heiligen Grenzmalen, durch Jahrhunderte anerzogen, viel zu groß gewesen war. Hierzu muss erwähnt werden, dass nach altem Glauben die Seelen der Grenzfrevler auf den Feldern als "Irrwische" umgehen müssen. In gesamten deutschen Sprachraum gibt es darüber Sagen, berichtete Bräuer bei seinem Vortrag. Noch heute steht das Verrücken von Grenzsteinen unter Strafe. Allerdings können in Zeiten von GPS und elektronischen Katastern Unstimmigkeiten rasch festgestellt werden.

Bei der Gelegenheit erfuhren die Zuhörer auch, dass den Vermessern für falsche Arbeit ebenfalls harte Strafen drohten. Neben vielen Fakten vermittelte der Referent Manfred Bräuer den Inhalt durch zahlreiche Bilder anschaulich.

Quelle: Pressemitteilung, Starkenburger Echo, echo-online - e, 15. April 2011

nach oben
Pressespiegel
Veranstaltungen
Home

Zuletzt aktualisiert am 28.4.2011