Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Den Atem der Geschichte gespürt
Ausflug: Der Heppenheimer Geschichtsverein besucht das jüdische Worms
Auf den Spuren Martin Bubers

"Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf.", schrieb Martin Buber 1933 im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme. Auf den Spuren Martin Bubers begab sich der Heppenheimer Geschichtsverein kürzlich in das jüdische Worms. Eva-Maria Listmann, Wormser Stadtführerin, konnte eine stattliche Schar interessierter Heppenheimer begrüßl;en. Erste Station war der von Buber gerühmte jüdische Friedhof, der "Heilige Sand", der noch immer die von Buber gerühmte Atmosphäre ausstrahlt und die Bedeutung der jüdischen Kultur und Geschichte spüren lässt. Handelt es sich doch um den ältesten jüdische Begräbnisplatz in Europa. Glücklicherweise blieb dieses bedeutende Denkmal des Judentums in der Nazizeit erhalten. Die jüdische Gemeinde ging dagegen unter, ihre Mitglieder wanderten aus oder wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Heute gibt es keine jüdische Gemeinde in Worms mehr. Dennoch genießl;t der Wormser Judenfriedhof noch immer großl;es Ansehen unter den Juden in aller Welt, denn auf diesem liegen zahlreiche bedeutende Gelehrte, zum Beispiel im Bereich des so genannten "Tals der Rabbiner". Bereits am Eingang erregten zwei Grabsteine das Interesse der Besucher. Sie zeugen von dem berühmten Rabbi Meir von Rothenburg, aus Worms gebürtig, und dem Alexander Ben Salomo Wimpfen, der für viel Geld den Leichnam des Rabbiners vom Kaiser freikaufte. Gemäßl; der jüdischen Sitte anstelle von Grabschmuck einen Stein niederzulegen, fanden sich neben den kürzlich renovierten Grabsteinen zahlreiche Steine und Zettel mit Gebeten und Wünschen. Ansonsten liegen diese auf den Grabsteinen und niemand entfernt sie. Eva-Maria Listmann führte sachkundig über die verschiedenen Teile des Friedhofes und erläuterte viel Interessantes zur jüdischen Geschichte: Vermutlich entstand der Friedhof um 1034, als die erste Synagoge in Worms erbaut wurde. Die älteste Bestattung datiert aus dem Jahr 1076/77. Wie alle jüdischen Friedhöfe lag er vor den Toren der Stadt. Der Wormser Bischof verkaufte der jüdischen Gemeinde wohl eine ehemalige Sandgrube.

Später wurde der Friedhof vergrößl;ert und da im 14. Jahrhundert eine Erweiterung der Stadtmauer erfolgte, lag der "Heilige Sand" innerhalb der Wormser Stadtmauer. Das brachte Spannungen mit sich, zumal die Wormser gerne Grabsteine des Friedhofs zu Reparaturarbeiten verwendeten: Ein unterirdischer Verbindungsgang zwischen den Stadtmauern erhielt sogar einen Boden aus alten Grabplatten. Ein ungeheuerer Frevel, denn der Grabstein mit dem Namen des Toten ist von großl;er Bedeutung und nicht einmal zerstörte Steine dürfen vom Friedhof entfernt werden. Eine Besonderheit des "Heiligen Sandes" ist, dass alle Grabsteine nach Süden zeigen. Ein einziges Grab im "Tal der Rabbiner" blickt nach Osten, nach Jerusalem. Auch wird der Friedhof nicht in unserem Sinne gepflegt. Auf jüdischen Friedhöfen ist das Einebnen der Gräber nicht erlaubt. Daher finden sich die Grabsteine aus den Jahrhunderten auf dem "Heiligen Sand". Eine wichtige Aufgabe ist es, sie zu erfassen und die Inschriften wissenschaftlich auszuwerten. Entlang der alten Stadtmauer, am Lutherdenkmal vorbei, ging es dann in das ehemalige Wohnviertel der Wormser Juden, die Judengasse, dem einzigen Ort an dem Juden in Worms wohnen durften. Die Tore, die einst das Getto in den Nachtstunden verschlossen, sind nach der Öffnung des Gettos im 19. Jahrhundert verschwunden. Die Bebauung hat sich aber erhalten und gibt einen guten Eindruck von der ehemaligen Enge der Gasse. Hier stand auch die Synagoge mit der ihr angeschlossen Talmudschule. Diese begründete den überregionalen Ruf des jüdischen Worms, denn sie war Wirkungsstätte berühmter Rabbiner, die auch in anderen Judengemeinden Europas wirkten. Die alte Synagoge fiel der Reichspogromnacht zum Opfer und entstand nach dem Krieg wieder aus den Ruinen. Es war nicht das erste Mal, dass sie neu aufgebaut werden musste. Ursprünglich von Bauleuten der Dombauhütte errichtet, erlebte die Synagoge zahlreiche Umbauten und mehrere Zerstörungen. Auch einen Anbau für Frauen gab es, allerdings durch eine Mauer von der Männersynagoge getrennt. Wichtig für die Gemeinde war das Ritualbad, die heute noch erhaltene Mikwe, die der rituellen Waschung und religiösen Reinigung diente. Nach Beendigung der Führung erläuterte der Vorsitzende Karl Härter kurz die vielfältigen Verbindungen zwischen der Wormser Gemeinde und der Landjudenschaft Bergstraßl;e, die für alle Juden des Amtes Starkenburg die übergreifende Gemeinde bildete, mit Synagoge und Mikwe in Heppenheim. Ein Besuch im Raschi Haus, das ein interessantes Museum mit zahlreichen Zeugnissen der Wormser Juden birgt, beendete den interessanten Ausflug in das jüdische Worms.

Starkenburger Echo, echo-online, hjb - 02.07.2011

Worms

Auf dem alten jüdischen Friedhof, dem "Heiligen Sand" in Worms, erfuhren die Mitglieder des Heppenheimer Geschichtsvereins viel Neues und Interessantes aus der langen, wechselvollen Geschichte des jüdischen Worms.

Worms

Fotos: Manfred Bräuer

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Zuletzt aktualisiert am 5.7.2011