Pressespiegel des Heppenheimer Geschichtsvereins

Blinder Passagier auf dem Weg ins Glück
Geschichtsverein – Hermann Müller berichtet bei Stammtisch über Heppenheimer Ein- und Auswanderer

Viele Besucher begrüßte Vorsitzender Karl Härter im Nebenzimmer des Restaurants „Athen“ und verwies darauf, dass sich viele Mitbürger im Laufe der Zeit nicht nur „rausgedrängt“, sondern auch „reingedrängt“ hätten.

Hermann Müller, Mitglied im Vorstand des Geschichtsvereins, gab eine Einführung in das Thema. Bei seinen familienkundlichen Forschungen war er auf viele Ein- und Auswanderer gestoßen. Der Dreißigjährige Krieg führte zu einem riesigen Bevölkerungsverlust in vielen Teilen Deutschlands. Zählte Heppenheim um 1600 noch 1500 Einwohner, waren es 1654 gerade 500. Schon bald setzte – zum Teil von den Landesherren gefördert – eine Ansiedlung von Neubürgern ein. Der Pfälzer Erbfolgekrieg führte zu einem Rückschlag dieser Bemühungen. Nach dessen Ende setzte erneut eine Einwanderungswelle ein.

Woher kamen die Neubürger? Die größte Gruppe stellte die Schweiz, aber auch aus Tirol und dem deutschen Alpenraum, aus Italien, Luxemburg und aus Brabant kamen Zuwanderer.

Auswanderung nach strengem Winter

Schon während der Wiederbesiedlung begann die Auswanderung aus Heppenheim und den zugehörigen Dörfern. Im Südosten Europas eröffnete sich, nach dem Zurückdrängen der Osmanen um 1720, neuer Siedlungsraum, in den die Habsburger Ansiedler lockten. Als Schwabenzüge sind diese Auswanderungswellen bekannt geworden. Die Auswanderung ins Banat oder Ungarn war – wenn auch ungern und nur mit Auflagen – vom Kurmainzer Landesherrn erlaubt. Nicht wenige Bergsträßer und Odenwälder verschwanden ohne offizielle Erlaubnis.

Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts begann die Auswanderung nach Nordamerika. 1709 herrschte in Europa einer der kälteste Winter des Jahrtausends, der auch Südwestdeutschland beutelte. Danach kam es zu der ersten großen Auswanderungswelle, besonders aus der Kurpfalz und der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. 10 000 Menschen versuchten ihr Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Weitere Auswanderungswellen folgten. Gründe waren starker Bevölkerungswachstum, Massenarmut, fehlende Perspektiven, Missernten, aber auch die politische Situation, insbesondere nach der misslungenen Revolution 1848/49.

Müller zeigte mehrere Inserate aus dieser Zeit, in denen Agenten eine sichere Überfahrt versprachen oder Aufforderungen, Schulden von Auswanderungswilligen zu melden. Ein Philipp Tuger forderte seine Gläubiger auf, ihre Schulden rasch bei ihm zu begleichen, da er auswandern wolle. Allein für das Jahr 1866 fand Müller 44 Auswanderungswillige – ein hoher Prozentsatz bei einer Bevölkerungszahl von 4344 Einwohnern in Heppenheim 1861. Meist waren es junge Leute, die ihr Glück in der Neuen Welt suchten.

Überhaupt ist das alte Verordnungs- und Anzeigeblatt eine Fundgrube für Informationen zur Auswanderung. So finden sich nicht nur Anzeigen, die für die Überfahrt warben, auch Mitteilungen, dass Auswandererschiffe schnell und ohne Widrigkeiten den Atlantik überquert hatten, finden sich dort. Auswanderungshäfen für die Heppenheimer waren zunächst Le Havre und Antwerpen, nach Gründung des Kaiserreiches Bremen und Hamburg. Nicht nur nach Nordamerika zog es damals die Menschen. Auch nach Brasilien, Chile und Australien wanderten Heppenheimer aus. Das Großherzogtum Hessen schloss mit den Vereinigten Staaten Schutzverträge für die Einwanderer, die nicht selten in ihrer neuen Heimat ausgebeutet und betrogen wurden. Die Wirte in den Hafenstädten verdienten gut an ihnen, und auch die Schifffahrtslinien erzielten mit den Passagieren im Zwischendeck hohe Einkommen.

Sprache verweist noch heute auf Herkunftsorte

Die Industrialisierung im deutschen Kaiserreich zog wiederum viele ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland. Italienische Wanderarbeiter fanden Beschäftigung beim Bahnbau und in der Steinindustrie. Auch aus Bayern zog es Fachkräfte in die Steinbrüche des Odenwaldes. Die Flüchtlingswellen am Ende des Zweiten Weltkrieges und der Zuzug von Aussiedlern wurden nur kurz gestreift. Abschließend erwähnt Müller die Quellen, in denen mehr zu dem Thema zu finden ist. Es gibt viele Veröffentlichungen in der Heimatliteratur und in den Archiven gibt es noch verborgene Schütze es zu entdecken.

An Müllers Vortrag schloss sich ein lebhafter Gedankenaustausch an. Berichtet wurde über einen Rückwanderer, der, als Blinder Passagier ausgewandert, in Amerika zu Reichtum kam und wieder in seine alte Heimat zog. Auch Einzelheiten über die deutschstämmigen Zuwanderer aus Russland waren zu hören, besonders über die Sprache älterer Menschen, die noch heute verrät, woher ihre Vorfahren in Deutschland stammten. Das gilt auch für die Deutschen im Banat.

Ergänzend wurde erwähnt, dass einige Gemeinden ihre Armen nach Amerika abschoben und die Überfahrt aus der Gemeindekasse beglichen. Die Bewohner des Seehofes bei Lorsch verkauften ihren Grundbesitz, um nach Amerika auswandern zu können. Da das Geld aber noch vor der Abfahrt verbraucht war, bekamen sie vom neuen Besitzer Geld, um doch noch die Überfahrt anzutreten.

Pressemitteilung / Starkenburger Echo / echo-online.de hjb - 09. Juli 2013

Dr. Müller bei seinem Vortrag

Blick in den Vortragssaal

Dr. Härter bei seinen einführenden Worten

Fotos: Manfred Bräuer

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