Spitzenleistung - nicht um jeden Preis

20 Jahre Leistungszentrum Bergstraße in Bensheim - Kindgerechter pädagogischer und sportlicher Ansatz

Spitzenleistung - aber nicht um jeden Preis. Mit dieser Maxime fördert das Handball-Leistungs¬zentrum Bergstraße (HLZ) Talente von Klasse fünf bis zum Abitur - unabhängig von Schule, Verein und Wohnort. Während viele Projekte im sensiblen Bereich der Nachwuchsarbeit auf der Strecke blieben und reichlich Modelle zur Talentpflege wie Sternschnuppen verglühten, hat das HLZ durchgehalten - von 1989 bis heute. 20 Jahre, ein gesundes Alter für einen der ältesten Leistungshorte in Deutschland. Neben Grundlagen für den Einstieg in den Leistungssport liegt das Augenmerk auf der schulischen Ausbildung. Dafür wurde ein Rahmenkonzept entwickelt, das trainingswissenschaftliche, pädagogische, psychologische sowie medizinische Betreuung der Sprösslinge betont. Neueste Erkenntnisse (Heidelberger Ballschule, ganzheitlicher Ansatz) sind in das nachhaltige Trainingskonzept eingebunden, zugeschnitten auf den körperlichen und geistigen Entwicklungsstand der jeweiligen Altersstufe (Jahrgänge 1994 bis 1999). „Diese Leistungen können wir natürlich nur mit Hilfe unseres Fördervereins unter dem Vorsitz von Dr. Hans Reinhard Bauß und einiger Sponsoren anbieten", unterstreicht Geschäftsführer Marcus Essinger auf der Internetseite. Hessisches Kultusministerium, der Hessische Handball-Verband, der Landesausschuss Leistungssport des Landessportbundes Hessen und die Stadt Bensheim stehen ebenfalls Pate. Ganzheitliche Betreuung und die Förderung des Talentes im Handball werden als Bausteine der Persönlichkeitsentwicklung angesehen. Dafür stehen die Trainer und Betreuer, Pädagogen, denen der Schulalltag vertraut ist und die in der Praxis verwurzelt sind - mit eigenen Karrieren im Leistungssport. „Systematische Nachwuchsförderung beinhaltet heute mehr als nur die Betreuung nach sportlichen Leistungskriterien", heißt das Credo. Nach der Schule wird Mittagessen organisiert. Hausaufgabenbetreuung oder Nachhilfe ruhen mangels Nachfrage. Die schulischen Leistungen dürfen dennoch nicht unter dem aufwendigen Übungsprogramm leiden. Denn das Staatliche Schulamt sitzt mit im Boot. Im September 1989 wurde das HLZ am Schulsportzentrum des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums (AKG) in Bensheim ins Leben gerufen. Es gewann bundesweit Aufmerksamkeit, denn das Konzept ist vorbildlich. Sichtung und Förderung der Talente erfolgen in enger Zusammenarbeit mit dem Handballbezirk Darmstadt und den Vereinen. „Wichtig ist, dass wir nicht in Konkurrenz zu den Vereinen stehen, sondern mit den Vereinen arbeiten wollen, um den Handballsport zu fördern", lautet die Philosophie des Initiators Heribert Kittel. Der Pädagoge trainierte damals zugleich den Frauen-Bundesligisten TSV Auerbach. „Wir können im HLZ auf individuelle Technik und Taktik eingehen, für die im Vereinstraining mitunter einfach die Zeit fehlt."
Anfangs 27 heute etwa 160 Talente am Ball
In der neuen Bensheimer Weststadthalle begann 1989 die Arbeit mit 27 Kindern nicht ohne Geburtswehen. Inzwischen trainieren von Montag bis Freitag, gestaffelt nach Jahrgängen, rund 160 Talente im Alter von 10 bis 17 Jahren im HLZ. Sie rekrutieren sich aus 20 Vereinen und 29 Schulen der Region, die den Besuch mit einer AG oder Wahlunterricht gleichsetzen. Für jeden Jahrgang wird an mindestens zwei Tagen pro Woche Training angeboten. Die individuellen Fähigkeiten werden gefördert. Innerhalb des Trainings arbeiten die Jugendlichen mit zwei Trainern in Kleingruppen. Trainingsinhalte sind an die Rahmenkonzeption des Deutschen Handball-Bundes angelehnt, in Abstimmung mit dem Lehrwesen des hessischen Verbandes gestaltet, mit wissenschaftlicher Unterstützung der TU Darmstadt und der Uni Kassel. Claudia Richter beerbte im Jahr 2000 Heribert Kittel als Cheftrainerin. Spuren hinterließ auch Lars Jung, Lehrertrainer am Schulsportzentrum Bergstraße und Studienrat am AKG Bensheim. Er leitete das HLZ von 2005 bis 2009. Nach dessen Abschied im Sommer 2009 übernahm Claudia Richter die Gesamtregie. Die Studienrätin am AKG Bensheim ist 105-fache deutsche National¬pielerin und Olympiateilnehmerin in Los Angeles 1984.
Erfahrener und praxisnaher Trainerstab
Sergej Rybakow, ehemaliger russischer Nationalspieler, einst Torschützenkönig in der Zweiten Liga beim VfL Heppenheim, unterstützt sie. Der Sportlehrer war Leiter der Handball-Schule in St. Petersburg. Zum Lehrstab gehört auch Thomas Weber. Der B-Lizenz-Trainer spielte in der Regionalliga. Er betreut in der B-Jugend die Oberliga-Mannschaft der JSG Gersprenztal sowie die Jugend-Auswahl des Bezirks Darmstadt (Jahrgang 1997).
Claudia Richter blickte bei der Übernahme der Regie im Oktober in die Zukunft: „Wir müssen mit dem Handballsport auch die Herausforderungen annehmen, die die veränderte Schullandschaft mit sich bringt. Ein Stichwort ist die Ganztagsschule. Aber es gilt auch, Chancen zu nutzen." Schüler-Mentoren in der Trainingsbegleitung und Betreuung, wie sie in Baden-Württemberg ausgebildet werden, eröffnen Chancen, die Talentpflege auf eine breitere Basis zu stellen und den Nachwuchs altersgerecht zu begleiten - auch für das HLZ Bergstraße.
(Bericht des Darmstädter Echo vom 12.12.2009)

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