Balancieren hilft beim Rechnen

Kinder und Sport

Früher war das so: Als Kind kam man spätestens nach der sechsten Schulstunde nach Hause, aß etwas, erledigte mehr oder weniger gewissenhaft seine Hausaufgaben, verschwand anschließend mit einem kurzen "Ich geh raus" in das Spielparadies "Straße" und kehrte völlig abgekämpft vom ganzen Rumgerenne mit den Nachbarskindern erst mit Einbruch der Dunkelheit zurück ins traute Heim.
Diese Straßenspielkultur ist inzwischen größtenteils verschwunden, erklääte die Sportwissenschaftlerin Dr. Ulrike Hegar (Universität Heidelberg). Eine Verlust, der, kombiniert mit der zunehmenden Institutionalisierung und Mediasierung des kindlichen Alltags, die Ursache ist für die häufig festgestellten motorischen Defizite der heutigen Kids im Kindergarten- und Grundschulalter. "Früh übt sich" - unter diesen Titel widmete sich die Reihe "Sport im Dialog" in der Hessentags-Sportlerlounge der Bedeutung der frühkindlichen Bewegung für die weitere Entwicklung der Kinder.
80 Prozent der Kinder im Vorschulalter würden es heute nicht unfallfrei schaffen, rückwärts auf einem auf dem Boden liegenden, zehn Zentimeter breiten Teppichstreifen zu balancieren, verdeutlichte Ulrike Hegar mit einem Beispiel aus der Praxis die koordinativen Mängel. Wer diese Übung nicht bewältigen könne, habe nachweislich auch Schwierigkeiten beim Minusrechnen, dem mathematischen Rückwärtslaufen.

Die Unfallgefahr senken
Dass Bewegung günstige Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten hat, ist allgemein anerkannt. "Intelligenter macht Bewegung nicht, aber es fördert die Konzentration sowie die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen", erläuterte Ulrike Hegar den Zusammenhang. Zudem sind aktive Kinder im Alltag weniger unfallgefährdet, weil Bewegung neben den körperlichen Fertigkeiten das visuell-räumliche Sehen und Wahrnehmen, das etwa das sichere Navigieren im Straßenverkehr erleichtert, positiv beeinflusst. Die negativen gesundheitlichen Effekte unzureichender Bewegung können Übergewicht und in der weiteren Folge schwerwiegende Beeinträchtigungen des Herz-Kreislauf-Systems sein. Fehlende motorische Fitness kann unter Umständen zu sozialer Ausgrenzung führen. Ulrike Hegar: "Kinder definieren sich stark über Bewegung und ihre körperlichen Fähigkeiten." Wer das Tempo der Anderen beim Spiel auf dem Pausenhof oder im Sportunterricht nicht mithalten könne, drohe zum Außenseiter zu werden.
Wie lassen sich der chronische Bewegungsmangel der Kinder und der dadurch vorgezeichnete Weg vom bewegungsscheuen Kind über den bewegungsarmen Jugendlichen bis zum bewegungsfernen Erwachsenen bekämpfen? Die Rückkehr zur Straßenspielkultur wäre zwar wünschenswert, ist aus diversen Gründen (überbehütete Kinder, gegenwärtige Stadtarchitektur) allerdings keine realistische Option.
Die Sportwissenschaftlerin plädierte dafür, den Kindern früh eine breite, nicht sportartspezifische koordinative Ausbildung zu vermitteln, die auf verschiedenen Ebenen erfolgen sollte. Die Grundlagen können in einem bewegungstechnisch breit aufgestellten Kursangebot eines Sportvereins oder im Alltag gelegt werden. Ulrike Hegar: "Im Wohnzimmer lässt sich mit wenig Aufwand eine wunderbare Bewegungslandschaft aufbauen."
(Aus: Bergsträßer Anzeiger vom 11.06.2014)

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